WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Komplexe Systeme, komplexe Risiken - von Hans Weitmayr

Mit der Finanzkrise ist die globale Abwehrkraft zurückgegangen

Wien (OTS) - Niemand will, niemand kann es mehr hören. Fünf Jahre Krise in der Eurozone ermüden, lassen resignieren. Man passt die Erwartungen nach unten an: Wachstumsraten, die an der ersten Stelle vor dem Komma eine Null ausweisen, werden bejubelt, Hauptsache keine Rezession. Die Krise ist Alltag geworden, die Wörter "Krise", "Risiko", "Gefahr" werden schön langsam tabu. Das ist nur allzu verständlich, auch dem Autor dieser Zeilen geht es ähnlich, nach jeder positiven Meldung wird verzweifelt geschnappt, als wäre man ein Fisch auf dem Trockenen; negative Meldungen und vor allem Warnungen vor möglichen Rückschlägen werden als nahezu persönlicher Affront verstanden.

Umso wichtiger ist es, dass man sich zusammenreißt und die Augen offen hält. Denn tatsächlich befinden wir uns nach wie vor in einer Welt voller Risiken, die umso komplexer werden, je verwobener sich die internationalen Wirtschafts- und Sozialnetze darstellen. Der Global Risk Report des World Economic Forum (WEF) fasst diese Risiken jährlich zusammen - so auch heuer. Einer der Kernpunkte weist genau auf die oben genannte Erschöpfung hin - wobei der Fokus nicht unbedingt auf massenpsychologischer, sondern auf profaner finanzieller Ebene ruht. Die Sorge: Die kurzfristigen, nationalen Risiken, die sich aus den nach wie vor überbordenden fiskalen Bürden der westlichen Industrienationen ergeben, drohen die langfristigen, transnationalen Probleme nicht nur medial zu überschatten - die Abnahme der wirtschaftlichen Möglichkeiten führt dazu, dass die globale Abwehrkraft zurückgeht, dass schlicht die Mittel fehlen, um den zahlreichen globalen - und damit gravierenderen - Bedrohungen entgegenzuwirken. Diese reichen von medialen Risiken über den Klimawandel bis hin zu neuen Pandemien. Alles schon gehört, alles schon gesehen, alles schon abgenickt? Natürlich. Weggegangen sind die Bedrohungen trotzdem nicht - im Gegenteil. Entwickeln sich die Superstürme, Flutkatastrophen und Landverluste weiter, werden wir die Schäden bald nicht mehr in Milliarden, sondern in Billionen Euro bemessen. Wird weiter zugelassen, dass sich täglich neue antibiotikaresistente Bakterienstämme entwickeln, kann ein aufgeschürftes Knie plötzlich wieder lebensbedrohlich werden.

Im WEF-Report steht, dass globale Risiken keine Landesgrenzen respektieren. Das ist leider richtig, auch wenn man das auf den diversen Inseln der Seligen nicht so gerne wahrhaben will. Trotz aller Krisenmüdigkeit heißt es also, sich weiter wappnen - selbst wenn es schwerfällt.

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