"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Das Bürgervotum birgt eine Gefahr für das Heer" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 21.1.2013

Graz (OTS) - Zwei Drittel derer, die an der Volksbefragung teilnahmen, stimmten für die Wehrpflicht und vielleicht noch inniger für ihren Ersatz. Das Ergebnis überrascht nicht. Es spiegelt die Gemütslage vieler Österreicher. Sie neigen zum Bewahren, schätzen das, was in die Vergangenheit strahlt und scheuen das Neue, vor allem dann, wenn es mit Unwägbarkeiten behaftet ist.
Diese Ungewissheiten, bezogen auf das Modell eines Berufssoldatentums, hat die SPÖ schlampig bearbeitet. Das gilt für die Kostenwahrheit ebenso wie für die Rekrutierung. Die SPÖ vermochte die Skepsis nicht einmal in den eigenen Reihen zu beseitigen. Die Partei hat die abrupte Abkehr von der Wehrpflicht inhaltlich und emotional nie mitvollzogen. Ihre Wähler noch viel weniger.
Es lassen sich seriöse Argumente für eine Professionalisierung des Heeres anführen, immer noch, aber die lausige Vorbereitung, die Uneinigkeit sowie die mangelnde Strahlkraft des nunmehr restlos ramponierten Fahnenträgers Norbert Darabos torpedierten eine breitere Akzeptanz des Modells. Der Minister soll jetzt eine Reform des Heeres anführen, das er als unsanierbar brandmarkte. Die Selbstachtung sollte ihm diesen abermaligen Salto untersagen und den Rücktritt nahelegen.
Die schmierige Allianz zwischen SPÖ-Spitze und dem Wiener Boulevard, der einen aberwitzigen Trommelwirbel für ein Berufsheer vollführte, verfing nicht. Für die "Krone" war es ein finsterer Tag; sie muss in ihrer Kerndisziplin, der Kampagnisierung, das Erlahmen der Lendenkraft einbekennen. Die Leser hielten mündig dagegen. Generell stellten sich die Bürger gestern ein Reifezeugnis aus. Trotz des begreiflichen Zorns über die parteipolitisch missbrauchte Volksbefragung verweigerten sie sich nicht. Das staatsbürgerliche Ethos siegte über den Verdruss.
Das Ja zur Wehrpflicht, das auf dem Exerzierplatz der direkten Demokratie erschallte, ist laut und eindeutig und verrät doch die zwiespältige Beziehung zum Heer. Man schätzt es, aber nur den zivilen Identitätsstrang. Lieber sieht man das Heer mit der Schaufel in der Hand als mit der Waffe. Die militärische Identität wird seit jeher miniaturisiert und niederdotiert. Es ging ja auch so. Die Idee eines Berufsheeres musste mit dieser Grundströmung frontal kollidieren. Das geschah gestern.
Das Ja zum Heer darf kein Ja zum Heer in diesem Zustand sein. Zu fürchten ist, dass der Wille zur Reform in den Untiefen der letzten Regierungsmonate versiegt und alles bleibt, wie es ist. Wer das will, will nicht, dass das Heer bleibt.****

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