WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Keine Bildung, kein Job, keine Dividende - von Isabell Widek

Die Betriebe sind auf qualifizierten Nachwuchs angewiesen

Wien (OTS) - Was haben wir nicht gelacht, wenn der "Ö3 Callboy" wieder einmal versucht, einem erwachsenen Menschen den Namen des Bundespräsidenten oder gar des Kanzlers zu entlocken. Und es gelingt ihm nicht. Nur: In der Realität ist es noch weitaus schlimmer ums Allgemeinwissen bestellt. Ein Rundruf des WirtschaftsBlatts unter führenden Unternehmen des Landes zeigt, dass diese auf solcherart "Spezialwissen" gar keinen Wert mehr legen. Die korrekte Zahl der Bundesländer sowie Kenntnis der vier Grundrechnungsarten reichen vollkommen aus, um einen Lehrplatz zu bekommen (siehe Artikel auf Seite 2).

Dabei sind es nicht die Unternehmen, die mit der Zeit genügsam geworden sind - ganz im Gegenteil. Doch leider ist das Bildungsniveau in diesem Land so, dass es bis zu 70 Prozent der Bewerber für Lehrstellen von vorneherein ausschließt. Der Rest der Lehrlinge -der, der den Job bekommt - kann einfach nur mehr genau das: Rechnen, Schreiben, Lesen. Den Namen des eigenen Landeschefs zu kennen, gilt da schon als Zusatzqualifikation.

Die Betriebe tun also mehr, als sie eigentlich müssten. Viele erzählen davon, dass sie bis zu einem Jahr der Lehrzeit dafür aufwenden, ihre künftigen Aushängeschilder "fit für die Gesellschaft" zu machen; sprich, sie bringen ihnen bei, zu grüßen oder nicht auf den Boden zu spucken. Ein trauriges Bild.

Dabei ist das nicht einmal ein reiner Akt der Nächstenliebe, sondern pure Notwendigkeit im Geschäftsleben. Der schlechte Zustand der Bildung unseres Nachwuchses betrifft uns nämlich alle.

Gut, wer schlechte Noten in der Schule hat, wem alles egal ist und wer sich auch noch schlecht benimmt, wird wenig Chancen auf einen Lehrplatz und noch weniger Chancen auf einen Job mit gutem Verdienst haben. Aber auch die Betriebe suchen händeringend qualifizierten Nachwuchs, um ihren Pool an Facharbeitern auffüllen zu können. Fehlen die, müssen Aufträge abgelehnt werden. Und das zeichnet sich in weiterer Folge in den Kennzahlen eines Unternehmens ab. Also: keine Bildung, kein Job, keine Aufträge, kein Gewinn, keine Dividende.

Es liegt also an uns, unser aller Wohlergehen zu sichern. Wenn der gestern präsentierte nationale Bildungsbericht also überdurchschnittliche Schulausgaben pro Kopf, aber auch unterdurchschnittliche Netto-Unterrichtszeiten aufzeigt, ist das nur ein Beweis mehr, das vieles im Argen liegt. Österreichs Bildungssystem braucht eine Reform - und zwar jetzt; und nicht eine, die erst für die nächste Generation wirkt.

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