Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 7. Jänner 2013. Von WOLFGANG SABLATNIG. "Die Lehren aus der Votivkirche"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Der Asylwerber-Protest in der Wiener Votivkirche mag in vielen Punkten irritierend und verstörend wirken. Ein Bleiberecht für alle wird nicht möglich sein. Die Qualität von Asylverfahren und Betreuung muss aber stimmen.

Es ist wie bei Arigona Zogaj, dem Mädchen aus dem Kosovo, das sich versteckte, um der Abschiebung zu entgehen. Abstrakt, wenn es nur um Zahlen und Ziffern geht, tun wir uns leicht damit, eine Mauer gegen die so genannten "Wirtschaftsflüchtlinge" aufzurichten. Doch kaum bekommen diese Menschen ein Gesicht, kaum tauchen sie - wie in der Wiener Votivkirche - an einem Ort auf, der eigentlich uns vorbehalten ist, kaum lassen sie sich nicht mehr in die anonyme Schublade der Asylwerber stecken, schon werden in irritierender Weise die Schicksale sichtbar. Plötzlich finden wir für jeden und jede einzelne Gründe, warum gerade sie oder er in Österreich bleiben sollte, auch wenn die Regeln anderes vorsehen.
Jetzt sind es die Asylwerber in der Votivkirche, die dem Konflikt zwischen dem Reflex der Menschlichkeit und der Logik des Rechtsstaates (sowie unseres Wohlstandes) ein Gesicht geben. Viele Forderungen klingen so einleuchtend, dass wir uns fragen, warum sie nicht selbstverständlich sind. Die Ablöse von Dolmetschern, die (wenn es stimmt) bewusst falsch übersetzen, Deutschkurse, Internet, keine Quartiere in abgelegenen Regionen, ein Spiegel im Bad - was spricht dagegen?
Die Asylwerber in der Kirche wollen aber mehr. Die Möglichkeit, eigenes Geld zu verdienen, mag noch Für und Wider haben - die Befürworter eines strikten Kurses befürchten, dass Österreich damit für Flüchtlinge und Schlepper noch mehr zum attraktiven Ziel wird. Die Forderung nach einem De-facto-Bleiberecht für jeden, der es einmal nach Europa geschafft hat, ist dann aber ein Schritt zu weit. Irritierend ist aber die unklare Rolle der Aktivisten, die den Protest begleiten. Und verstörend ist der Hungerstreik. Wir kennen diese radikale, selbstzerstörerische Form des Protests aus dem Fernsehen und den Medien, im Kampf gegen Diktatur und Willkür. Aber hier in Österreich?
Für die Betroffenen, die mit vielen - auch falschen - Hoffnungen gekommen sind, stellt sich diese Frage anders. Sie haben viel bezahlt und riskiert, um in den Westen zu kommen. Ihre Alternative bei einer Abschiebung in die Heimat ist eine wirtschaftlich und menschlich desaströse.
Und die Lösung? Ein Patentrezept gibt es nicht, solange das weltweite ökonomische und politische Wohlstandsgefälle besteht. Auf jeden Fall ist es aber ein Gebot der Menschlichkeit, die Betreuung der Asylwerber und die Qualität der Asylverfahren zu überprüfen und wo nötig zu verbessern.

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