"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Aufruf zur Kehrtwende" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 23.12.2012

Graz (OTS) - Jahr der Korruption: Das Land braucht eine Rückbesinnung auf die bürgerlichen Tugenden

Dieser Sonntag ist ein kalendarischer Segen. Nach dem rauschhaften Konsumfinale tags zuvor sorgt er dafür, dass wir nicht ungebremst auf das Weihnachtsfest prallen. Eine schöne Schwelle. Sie zügelt die Tacho-Nadel.

Der arbeits- und kauffreie Tag öffnet auch erste Räume, das Jahr zu bilanzieren: Was war, war bleibt? Vieles geriet aus den Fugen. In dichter Abfolge brachen im Land Fälle von Bereicherung, Käuflichkeit und Machtmissbrauch auf. Sie verfremdeten und sizilianisierten das Antlitz des Landes, das nach außen als anmutig und moralisch konsolidiert galt.

Die Prozesse sowie der Korruptionsausschuss zeichneten das Zustandsbild einer weit auskragenden sittlichen Verwahrlosung. Wir haben es mit einer Krise der Eliten zu tun; es gibt kaum einen Bereich, der unversehrt geblieben ist. Ein Muster hat sich als stilprägend erwiesen: Richtschnur des Handelns war nicht mehr das Gemeinwohl, das bonum commune, sondern der Vorteil für die eigene Person oder die eigene Partei, für die etwas abfiel.

So verschoben sich die Grenzen des Zulässigen, begünstigt durch den Zeitgeist des Zocker-Jahrzehnts und dessen Wesensmerkmale, die Habgier, die Gewinnsucht und die Maßlosigkeit. Wie in einem Brennglas haben sich zum Ausklang des Jahres diese pathologischen Verformungen und Einrisse in der Salzburger Finanzaffäre noch einmal gebündelt und verdichtet. Dass der Skandal in Salzburg sein Epizentrum hatte, kann als zeichenhaft gelesen werden: als Sinnbild für die Erosion des Bürgerlichen.

Die Justiz, die gegenüber den Wucherungen der Korruption lange ohnmächtig und überfordert schien, zeigt sich nunmehr fest entschlossen, mit einer betont pädagogischen und signalhaften Rechtssprechung den ethischen Dammbrüchen entgegenzuwirken. Dass sie drakonische Ersturteile, gesprochen im generalpräventiven Überschwang, revidieren und teilweise aufheben musste, zeigt, wie schwer es der Justiz fällt, auf die Deformationen in der Gesellschaft und ihrer Eliten angemessen zu reagieren.

Sie allein freilich vermag freilich die Läuterung und Reinigung nicht zu schultern. Es bedarf weiterer verschärfter Gesetze, um normativ zu wirken, sowie eines radikalen Wertewandels in der Gesellschaft. Was nottut, ist eine Rückbesinnung auf die alten, bürgerlichen Tugenden, die kaufmännischen mit eingeschlossen. Lange Zeit wurden sie als unzeitgemäß abgetan, jetzt sind sie ein Gebot der Stunde. Es geht um die Begrenzung der Selbstsucht, um etwas mehr Wir und um das Maßhalten, erfahrbar als Gewinn, als Zugewinn an Intensität und Tiefe. Das Derivatprodukt wäre mehr Zufriedenheit. ****

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