Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 20. Dezember 2012. Von NINA WERLBERGER. "Neue Strategien gegen die Lohn-Kluft"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Die Schere zwischen Arm und Reich geht auch in Österreich auf. Populistische Klassenkampf-Formeln helfen dagegen nicht. Statt Symptome zu bekämpfen, müssen Gesellschaft und Politik alte Glaubensregeln über Bord werfen.

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Österreich in den vergangenen 14 Jahren deutlich größer geworden. Das ist der ernüchternde Befund des Einkommensberichts 2012 des Rechnungshofs. Sein Befund ist alarmierend: So mussten die Ärmsten seit 1998 den größten Kaufkraftverlust hinnehmen. Quer über alle Berufsgruppen sanken die Realeinkommen der untersten Einkommensschichten um mehr als 15%. Seit 14 Jahren unverändert ist auch die Einkommensschere zwischen den Geschlechtern: Das mittlere Einkommen der Frauen liegt heute wie damals bei nur 60% von jenem der Männer. Kurz: An der Gleichberechtigungsfront gab es trotz Quoten-Vorstößen und Co. keinen nennenswerten Erfolg. Und weder die jährliche Lohnfeilscherei der Sozialpartner noch Sonntagsreden für soziale Gerechtigkeit konnten etwas daran ändern, dass auch in Österreich die Reichen reicher wurden, während sich das Gros der Bürger immer weniger leisten kann. Die daraus resultierende Polarisierung ist längst spürbar: Während immer mehr Menschen als wohlhabend bezeichnet werden können, wächst das Prekariat. In der schrumpfenden Mittelschicht grassiert zudem die Angst, abzurutschen. Das gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt, löst Solidaritäten auf. Es hat aber auch handfeste negative Auswirkungen auf die Volkswirtschaft, wenn sich immer mehr Menschen immer weniger leisten können.
Was also tun? Einfache Lösungen zum Schließen der Kluft gibt es nicht - ist diese doch letztlich die Konsequenz einer gesellschaftlichen Entwicklung, die vor allem seit den 90ern auf unbändigen Wachstumsglauben und Individualismus setzte. Ein Mindestlohn, wie ihn nun etwa die Grünen und des BZÖ fordern, kann daher höchstens eine Symptombekämpfung darstellen. Ähnliches gilt für Ideen wie höhere Steuern für Reiche. Es stimmt schon: Vermögen werden in Österreich steuerlich geschont, während niedrige und mittlere Einkommen immer noch stärker belastet werden. Und die Sparpakete im Gefolge der Schuldenkrise dürften die Kluft wohl noch verschärft haben. Dennoch braucht es mehr als klassenkämpferische Rufe nach mehr Gerechtigkeit bei den Löhnen - um die Schere tatsächlich zu schließen, müssen Dogmen über Bord geworfen werden. Es braucht ein Klima des Aufbruchs, Anreize für den Aufstieg, eine tatsächliche Entlastung des Faktors Arbeit und ein modernes Familienbild mit gelebter Gleichberechtigung. Anderenfalls wird der nächste Einkommensbericht kaum besser ausfallen als dieser.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001