Nicht nörgeln: Besser machen / Leitartikel von Philip Cassier

Berlin (ots) - In seinem Urteil war sich der größte Wortkünstler des Staates sicher: Der Nachwuchs? Eine Katastrophe! Keine Disziplin, kein Streben nach wahrer Bildung, nach den großen Idealen von Wahrhaftigkeit und daraus resultierendem Edelmut, überhaupt, es sei ein Jammer mit der Jugend.

Die Worte des Römers Cicero (106-43 vor Christus) mögen heute ein wenig schwülstig klingen - und doch haben sie spätestens seit der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 in der bundesrepublikanischen Gegenwart Platz. Er existiert der Chor derjenigen, die glauben, dass Deutschlands Kinder - in Berlin zumal - ab der Grundschule in Sachen Bildung und naturwissenschaftliches Verständnis kaum mehr mit dem Nötigsten ausgestattet werden. Und ganz sicher beruht dieser Kulturpessimismus vieler Eltern, Lehrer und Professoren auf eigenem Erleben; denn es gibt sie, die Schulen, in denen in ganzen Klassen nur noch wenige Muttersprachler anzutreffen sind, in denen die Lehrer bereits in der Grundschule vor allem als Sozialarbeiter tätig werden. Auch hier gilt: zumal in Berlin.

Zwei neue Bildungsstudien widersprechen nun allerdings dieser gefühlten Realität, es werde für die Kinder immer früher alles schlechter. Das wichtigste Ergebnis, das die Iglu-Lesestudie und die TIMSS-Mathematikstudie präsentieren, besagt: Die Viertklässler in Deutschland erbringen beim Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften überdurchschnittliche Leistungen, wie das schon bei der letzten Erhebung der Fall gewesen war. Im internationalen Vergleich schneiden die deutschen Grundschüler im oberen Drittel ab. Es wäre begrüßenswert, wenn es deutschen Kulturpessimisten gelänge, sich darüber zu freuen.

Die Kehrseite speziell der Lesestudie sieht so aus: Gut 15 Prozent der Kinder verfügen über keine ausreichende Kompetenz beim Lesen. Und nur 9,5 Prozent der Grundschüler zeigen die höchste Lesekompetenz. Was sich besonders in den weiterführenden Schulen rächt - wer von Anfang an kaum mitkommt, der wird im Laufe seiner Schulkarriere irgendwann vollkommen abgehängt und steht auf dem Arbeitsmarkt vor dem Nichts. Noch eine Erkenntnis bestätigt die Studie aufs Neue:
Allen Absichtserklärungen der Politik zum Trotz bleibt Bildung eine Sache der sozialen Schicht. Statistisch gesehen hat ein Kind von einem Professor oder einem Chefarzt eine 4,7-fache Chance zur Gymnasialempfehlung im Vergleich zu einem Facharbeiter. Eine Kluft, die durch alle Reformen - frühere Einschulung, ständige Überarbeitung der Lehrpläne und -methoden - nicht überwunden wurde.

Ironischerweise sind damit die Kinder von denjenigen, die sich am lautesten beklagen, am wenigsten betroffen. Man darf sogar darauf bauen, dass Kinder aus einem entsprechenden Elternhaus bereits vor der Grundschule zu Hause mit vielen Bildungsanreizen wie Vorlesen versorgt werden. Aber was hilft das den buchstäblich Sprachlosen? Es ist eine sehr deutsche Eigenschaft, in solchen Fällen nach dem Staat zu rufen. Doch es lässt sich schwer leugnen: Jeder Euro, der in Kitas investiert wird, kann zum Überwinden der Kluft beitragen. Und wenn das auf Kosten des Elterngelds passiert.

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