TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Damit das Moslem-Sein normal wird", von Wolfgang Sablatnig

Ausgabe vom 4. Dezember 2012

Innsbruck (OTS) - Österreich hat seit 100 Jahren ein Islamgesetz, Muslime gehören zum Straßenbild. Bis zum selbstverständlichen Umgang mit dem Islam sind aber noch viele Schritte nötig. Profitieren würden davon alle.

Die größte Leistung Österreichs in Bezug auf den Islam ist eine historische: Vor genau 100 Jahren, 1912, wurde - noch in der Monarchie - ein Islamgesetz erlassen, weil nach der Besetzung Bosnien-Herzegowinas plötzlich 600.000 Muslime unter des Kaisers Herrschaft lebten.
Heute leben wieder rund 600.000 Muslime in Österreich - unter völlig anderen Voraussetzungen allerdings: Nicht mehr am Rand des großen Reiches in der Provinz, sondern mitten unter uns. In den Schulen, auf den Straßen, in den Märkten ist diese Wirklichkeit schon lange nicht mehr zu übersehen.
Die Politik hatte auf diese Entwicklung aber lange keine Antwort. Je mehr Muslime kamen, desto rigider wurde der Umgang. Jedes Kopftuch im öffentlichen Dienst führte und führt zu Debatten, erst recht jedes Gebetshaus, wenn nach muslimischer Tradition ein Minarett geplant ist. Dass Mitte der 1970er-Jahre in Wien eine wirklich orientalische Moschee mit 32 Meter hohem Minarett gebaut werden konnte, ist heute unvorstellbar.
Auf der anderen Seite entwickelte sich das religiöse und kulturelle Leben der Muslime oft abgeschottet von der Gesellschaft rundherum. Kein Wunder, Religionslehrer und Geistliche - Imame - sind meist selber Zuwanderer, die in anderen Kulturen aufgewachsen sind und ausgebildet wurden.
Zum selbstverständlichen Umgang mit dem Islam - und zum selbstverständlichen Umgang der Muslime mit der österreichischen Gesellschaft - sind da noch viele Schritte nötig. Dass die Integration nicht einfach dem Zufall überlassen werden kann, hatte zwar schon Maria Fekter als Innenministerin erkannt. Mit Staatssekretär Sebastian Kurz gibt es seit eineinhalb Jahren aber auch den richtigen Kommunikator für diesen Wandel. Verbindlich, nett, nicht mit Themen wie Asyl oder Abschiebungen belastet, kann er den "friendly guy" geben.
Mit dem "Dialogforum Islam" tritt er nun zum Lackmustest der Umsetzung an. Vor allem das Imame-Studium kann eine Chance sein, dass Österreich 100 Jahre nach dem Islamgesetz wieder Trendsetter wird. Wo die deutsche Sprache auch in den Moscheen Standard ist, wo nicht jeder Imam mit Extremismus-Verdacht belegt wird, wo ein Grundwissen über die Werte der Mehrheitsgesellschaft vorausgesetzt werden kann, wird den Populisten der Nährboden entzogen. Profitieren könnten davon alle - die Mehrheitsgesellschaft genauso wie die Muslime.

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