WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die kalte Schulter der Türkei - von Hans Weitmayr

Der EU würde eine Frischzellenkur nicht unbedingt schaden

Wien (OTS) - Wer dieser Tage Zweifel daran hat, dass die EU in einem atemberaubenden Tempo im Rest der Welt an Einfluss und Anziehungskraft verliert, sollte eine Reise in die Türkei unternehmen, um einen etwas klareren Blick auf die Gegenwart zu bekommen.

Ein halbes Jahrzehnt ist es vielleicht her, da war es das oberste Ziel der Außenpolitik in Ankara, den Beitritt zur EU zu forcieren -von einem solchen Ansinnen ist dieser Tage wenig zu spüren.

Eine EU-Mitgliedschaft ist in der Türkei kein Thema mehr. Wer ob dieses Gesinnungswandels - aus welchen Gründen auch immer -erleichtert aufatmet, sollte sich jedoch überlegen, warum das so ist.

Tatsächlich hat die Krise der EU die Türkei nicht nur aus politischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen von Europa wegdriften lassen. Der wirtschaftliche Abschwung Europas hat dazu geführt, dass die Exporte nach Europa nur noch rund 35 Prozent der Gesamtausfuhren ausmachen. Das mag beträchtlich klingen, vor wenigen Jahren lag diese Quote aber noch bei 60 Prozent.

Dieser nachfragebedingte Niedergang hat dazu geführt, dass die Türkei sich zunehmend andere Märkte sucht. Darunter auch solche, die sie meiden wollte, da die Produktpalette zu ähnlich ist. Die Rede ist von Asien.

Das ist gut für die Türkei und wirklich schlecht für Europa. Denn will die Türkei in Asien wettbewerbsfähig sein, muss sie sowohl an ihrer Effizienz, wie an der Qualität der Produkte arbeiten, sprich:noch wettbewerbsfähiger werden. Das ist kurzfristig schmerzhaft, langfristig nur von Vorteil.

Für Europa bedeutet das nicht nur, dass ein neuer hungriger Konkurrent für die asiatischen Märkte entsteht. Vielmehr heißt das, dass die europäische Perspektive für die Türkei mit jedem Jahr weniger interessant wird. Und das ist langfristig aus vielerlei Gründen ein Problem - nicht zuletzt aus demografischen.

Das Durchschnittsalter der Türkei liegt bei 29 Jahren, das der EU bei rund 40. Eine Frischzellenkur in spätestens zwanzig Jahren würde dem Kontinent nicht schaden. Das gilt in besonderem Maße für Österreich, wo seit Jahren die künftige Unfinanzierbarkeit des Pensionssystems an die Wand gemalt wird.

Fragt man Regierungsvertreter in Ankara vor diesem Hintergrund, wie ihr Plan B zu einem EU-Beitritt aussieht, erntete man ein müdes Lächeln und einen Hinweis darauf, dass Plan B längst in Kraft getreten ist: Die Türkei blickt nicht mehr nach Europa, sie blickt nach Asien, den Nahen Osten und Afrika. Eine Tür von historischer Bedeutung könnte sich für die EU also bereits geschlossen haben.

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