"Israel und der neue Nahe Osten"

Innsbruck (OTS/TT) - von Floo Weissmann

Untertitel: Der Judenstaat sieht sich einer Reihe von Entwicklungen gegenüber, die seine strategische Position verschlechtern.
Sein Sicherheitskonzept, das mit militärischer Überlegenheit den Status quo erhalten soll, wird immer fraglicher.

Von Floo Weißmann
Die aktuellen Bilder und Nachrichten aus dem Nahen Osten erinnern an ähnliche Eskalationen der Gewalt in der Vergangenheit. Palästinensische Extremisten und die waffentechnisch überlegenen israelischen Streitkräfte liefern einander eine weitere Schlacht in einem Krieg, den keine Seite allein mit militärischen Mitteln gewinnen kann. Die Folgen tragen die Zivilisten - in erster Linie jene im Gazastreifen, weil die israelischen Angriffe ungleich mehr Opfer fordern und Schäden anrichten als die palästinensischen.
In gewisser Weise folgt das Blutvergießen also altbekannten Mustern. Aber die Rahmenbedingungen im Nahen Osten haben sich seit vergangenen Eskalationen geändert, und das muss vor allem Israel zu denken geben. Der Judenstaat sieht sich einer Reihe von Entwicklungen gegenüber, die seine Position verschlechtern.
Die arabische Revolution und die damit verbundene Renaissance von Islamisten - vor allem in Ägypten -, die Atombasteleien und Drohungen des Iran, der Bürgerkrieg in Syrien und die Aufrüstung von Hisbollah und Hamas direkt an der Grenze lassen in Israel die strategischen Alarmglocken schrillen. Dazu kommen Spannungen mit den Verbündeten, die Israel zum Teil selbst mitverschuldet hat. Der einstige regionale Partner Türkei ist seit dem Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte völlig weggebrochen und die völkerrechtswidrigen jüdischen Siedlungen in den Palästinensergebieten belasten das Verhältnis zu Amerika und Europa. Jetzt rächt es sich, dass verschiedene israelische Regierungen einen umfassenden Ausgleich mit den Palästinensern verschleppt haben. Die Kombination aus Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit im Gazastreifen und in anderen Teilen der Palästinensergebiete bildet einen Nährboden für Extremismus. Und auf der Seite der moderaten Palästinenser will der frustrierte Präsident Mahmud Abbas in knapp zwei Wochen seinen Staat Palästina von der UNO-Vollversammlung indirekt anerkennen lassen - ohne Abkommen mit Israel.
Damit zurück zum aktuellen Blutvergießen. Vielleicht gelingt es, wieder einmal eine Waffenruhe zu vermitteln. Es gibt Hinweise darauf, dass beide Seiten zwar ihre Fähigkeiten und Entschlossenheit beweisen wollen, aber kein Interesse an einem Bodenkrieg haben. Doch die nächste Eska lation kommt bestimmt. Und angesichts der neuen Rahmenbedingungen im Nahen Osten wird für Israel ein Sicherheitskonzept immer fraglicher, das vor allem darauf aufbaut, mit Hilfe überlegener Streitkräfte den Status quo zu erhalten.

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