Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 14. November 2012. Von Floo Weißmann. "Amerikas Besessenheit".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Im Skandal um eine außereheliche Affäre des CIA-Direktors geht es nicht allein um die Sicherheit des Landes, sondern auch um seine Tugendhaftigkeit. Die wirklichen Probleme des Landes rücken in den Hintergrund.

Der Sex-Skandal um den zurückgetretenen CIA-Direktor David Petraeus steht vermutlich erst am Beginn. Ermittler, Medien und Kongresspolitiker werden noch viele Details an die Öffentlichkeit tragen und viele Fragen stellen. Die langfristigen Folgen sind derzeit nicht absehbar. In einer brisanten Phase nach der Wahl, in der es eigentlich um Amerikas Weg aus der Krise gehen sollte - voran um die Sanierung des Staatshaushalts -, fragen sich nun alle, wer mit wem geschlafen hat und wie gefährlich das für die Nation war.
Zwar lässt sich nicht leugnen, dass geheime Liebesabenteuer von führenden Geheimdienstlern und Militärs ein Risiko bergen. Schon seit jeher bedient sich die Spionage der Macht des Begehrens; dass das FBI den aktuellen Fall prüft, leuchtet deshalb ein. Aber hinter der aktuellen Aufregung steckt mehr als Sicherheitspolitik: Es geht um Sexualität und Moral in einer Gesellschaft mit puritanischen Wurzeln. Einem Teil der Amerikaner genügt es nicht, wenn die Spitzen der Gesellschaft in ihrem Aufgabengebiet einen guten Job machen. Sondern diese sollen auch als Vorbilder in Fragen des Charakters und der Lebensführung wirken. Was in Europa zumeist als privat verstanden wird - etwa Familienleben und Religiosität -, fungiert in den USA oft als Berechtigungsausweis für öffentliche Ämter und Gunst. Umgekehrt gefährdet ein Seitensprung eines Politikers oder Militärs die Tugendhaftigkeit des Landes. Medien spielen dabei gern die Rolle des öffentlichen Prangers für reumütige Sünder - zur allgemeinen Belustigung oder Empörung.
Folglich kommt es in den USA häufig zu Sex-Skandalen. Viele Europäer erinnern sich mit Staunen und Schaudern an das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Bill Clinton, in dem es inoffiziell vor allem um Moral und Macht ging. Seit damals standen etliche weitere Spitzenpolitiker, darunter auch Clintons einstige Ankläger, Militärs und andere Prominente wegen Sex-Affären am öffentlichen Pranger. Der Washington Post-Kolumnist Richard Cohen spricht von "Sex, dieser amerikanischen Obsession und der damit verbundenen Heuchelei".
Präsident Barack Obama dürfte vom jüngsten Ausbruch der Obsession kalt erwischt worden sein. Er hatte nach seiner Wiederwahl versucht, im Budgetstreit mit den Republikanern die Themenführerschaft zu erlangen. Stattdessen muss er jetzt Schadensbegrenzung betreiben und eilig Schlüsselpositionen in der Außen- und Sicherheitspolitik neu besetzen. Das macht den ohnehin schwierigen Start in die zweite Amtszeit noch turbulenter.

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