Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Der Höllen-Job"

Ausgabe vom 7. November 2012

Wien (OTS) - Das Duell so unterschiedlicher Charaktere wie Obama und Romney verstellte in den vergangenen Monaten die Sicht auf den wahren Zustand der USA. Ein Schuldenstand von 17.000 Milliarden Dollar, das sind mehr als 100 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Das Budgetdefizit liegt bei acht Prozent. In Europa wäre ein Land mit solchen Daten nahe Ramsch-Status und ein Fall für den Euro-Rettungsschirm.

Und nun droht in den USA ein Exzess aus Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen, "fiskalische Klippe" genannt. Wird sie umgesetzt, drohen die Vereinigten Staaten in eine Krise zu stürzen. Große Investmentfonds haben bereits begonnen, Dollar-Papiere zu verkaufen.

Die nun beginnende 57. Präsidentschaft steht vor den vermutlich schwierigsten innenpolitischen Herausforderungen seit dem amerikanischen Bürgerkrieg.

Es gilt nicht nur, das Land zu sanieren, sondern einen Zusammenbruch zu vermeiden. Es wird der US-Notenbank wohl nichts anderes übrig bleiben, als weiterhin Staatspapiere zu kaufen, denn die kommende Regierung braucht vor allem eines: Zeit.

Zeit, die allerdings gut genutzt werden will. Die Infrastruktur in den USA befindet sich in einem kläglichen Zustand, der Hurrikan "Sandy" hat es erneut gezeigt. Dafür ist Geld nötig, viel Geld. Der Staat hat es nicht, private Geldgeber müssen einspringen. Den USA droht nun ein Problem, das die Europäer kennen: Private Investoren vertrauen der Kraft des Staates nicht mehr. Italien muss hohe Zinsen bezahlen, um seine Rechnungen begleichen zu können. Griechenland bekam gar kein Geld mehr. Die USA - mit dem mächtigen Dollar im Rücken - konnten bisher schalten und walten, wie sie wollten. George W. Bush trieb die militärischen Ausgaben in schwindelnde Höhen - es war egal.

Wie es aussieht, ist es nicht mehr egal. Das Vertrauen der Geldgeber bröckelt, Asien und Südamerika sind lohnendere Ziele fürs Profitstreben geworden.

Demokraten und Republikaner stehen sich unversöhnlich gegenüber, und so schauen auch die politischen Beschlüsse aus. Es kann sein, dass in einigen Monaten die bisher als zögerlich bezeichnete Politik der EU gar nicht so schlecht dasteht - im Vergleich zu den USA. Das Präsidentenamt wurde von früheren Amtsinhabern als "Höllen-Job" bezeichnet. Stimmt.

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