"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Lob der Langsamkeit" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 4.11.2012

Graz (OTS) - Eine Woche Demokratieskepsis: Bemerkungen zu einer Umfrage und zu einer Ansage.
Demokratie versucht, Konflikte zu dämpfen. Entsprechend umständlich ist sie und unbefriedigend für alle. Kompromisse bedeuten Verzicht auf die vollständige Durchsetzung der eigenen Vorstellungen, deshalb nennt man sie gerne faul. Dass sie offenen Kampf vereiteln, gerät dann in Vergessenheit.
Eine sehr gründliche Umfrage, die das IFES-Institut mit der Universität Graz durchgeführt hat, zeigt, wie verbreitet Zweifel und Desinteresse an dieser Regierungsform sind. Nur ein Fünftel der Österreicherinnen und Österreicher interessiert sich für Politik, nur eine knappe Mehrheit ist mit unserem demokratischen System zumindest einigermaßen zufrieden. Besonders stark ist die Distanz in weniger gebildeten Schichten und bei jungen Menschen.
Dazu fügt sich, dass ein jäh ins Blickfeld der Öffentlichkeit gesprungener Extremsportler kürzlich in unserer Zeitung von einer "gemäßigten Diktatur" schwärmte. "Du kannst in einer Demokratie nichts bewegen", sagte er und erntete Hohn und Spott dafür.
Es ist einfach, sich über Felix Baumgartner lustig zu machen. Wir sollten ihn aber ernst nehmen. Nicht, weil er recht hat mit seiner Sehnsucht nach "ein paar Leuten aus der Privatwirtschaft, die sich wirklich auskennen". Wir sollten ihn ernst nehmen, weil seine Aussage so eine vertrackte Scheinlogik hat.
Demokratie ist langsam und umständlich, auch im günstigsten Fall. Oft vergehen Jahre vom Beginn einer Diskussion bis zum Inkrafttreten eines Gesetzes. Unter Bewegung stellt sich nicht nur der Stratosphärenspringer anders vor.
Diktaturen sind schneller. Man kann einfach beschließen, die Pontinischen Sümpfe trockenzulegen, ein römisches Stadtviertel abzureißen oder sich Abessinien einzuverleiben. Das war Geschwindigkeit, die Futuristen waren begeistert von Mussolini.
Die Sache hatte aber bekanntlich ihren Preis. Vielleicht ist es wieder einmal Zeit, ihn zu erwähnen.
Diktaturen, egal ob gemäßigt oder weniger, schalten Kontrolle aus. Sie streichen die zeitraubenden Entscheidungsmechanismen und kommen gleich zur Sache. Was diese Sache ist, entscheiden aber dann nicht mehr wir, weder indirekt noch direkt. Ist die Begeisterung dann verflogen, gibt es kein zurück mehr. Diktatoren gehen nicht, wenn sie nicht mehr erwünscht sind, das ist so ihre Art.
Sten Nadolny danken wir das wunderbare Buch "Die Entdeckung der Langsamkeit". Wer, wie der Entdecker John Franklin im Buch, die quälend langsame Verschiebung von Eisplatten sehen kann, wird auch die zähen Fortschritte in einer Demokratie schätzen können. Auch das ist Bewegung. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001