Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 30. Oktober 2012. Von WOLFGANG SABLATNIG. "Sparen an der falschen Stellschraube".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Die Seniorenorganisationen haben bereits im Frühjahr akzeptiert, dass ihre Mitglieder im kommenden Jahr mit einer geringeren Pensionserhöhung auskommen müssen. Später in Pension zu gehen, ist in Österreich aber ein Tabu. Leider.

Mit 1,8 Prozent plus werden die Senioren im kommenden Jahr das Nachsehen haben. Denn die Kollektivvertragsabschlüsse dieses Herbstes liegen durchwegs über drei Prozent.
Dieser Befund ist für die Betroffenen bitter, er lässt sich aber begründen. Die Pensionisten sind nun einmal eine Gruppe, die - so wie die Beamten - in Form des Zuschusses zur Pensionsversicherung direkt vom Staat Geld erhält. Als Teil des Sparpakets haben die Seniorenvertreter daher bereits im Frühjahr zugestimmt, dass die Pensionserhöhung 2013 um einen Prozentpunkt und 2014 um 0,8 Prozentpunkte unter dem berechneten Wert für die Preissteigerung liegen soll. Eine andere Möglichkeit, auch den Pensionisten einen Beitrag abzuverlangen, gibt es kaum.
Diese Vereinbarung wird von den Seniorenvertretern auch nicht in Frage gestellt. Sehr wohl beginnt nun aber das Feilschen, welche Gruppen vielleicht etwas besser aussteigen könnten - und welche dementsprechend stärker draufzahlen müssen.
Leider ebenfalls nicht in Frage gestellt wird in Österreich das Pensionsalter von 65 bzw. 60 Jahren - auch das aus scheinbar gutem Grund, weil das tatsächliche Antrittsalter je nach Berechnung und Geschlecht bis zu sechs Jahre vom Zielwert entfernt ist. Die geplanten Einschränkungen bei der Invaliditätspension sollen den tatsächlichen Wert nun näher zum Zielwert bringen. Auch die Hacklerregelung wird Anfang 2014 deutlich an Attraktivität verlieren. Dennoch stellt sich die Frage, wie lange das Tabu Pensionsalter noch zu halten sein wird. Die Lebenserwartung steigt und steigt. Lag die durchschnittliche Dauer des Pensionsbezugs 1970 noch bei acht Jahren, sind es jetzt bereits 20 Jahre.
Eine verantwortliche Politik würde zumindest einmal beginnen, Menschen und Wirtschaft auf mögliche Anhebungen des Pensionsalters vorzubereiten. Denn genauso wie die Arbeitnehmer sich auf längeres Arbeiten einstellen müssten, müssten die Unternehmer erst einmal bereit sein, ältere Arbeitnehmer in großem Umfang weiter zu beschäftigen. Sonst findet nur eine Verschiebung in die Arbeitslosigkeit statt.
Die österreichischen Verhältnisse lassen freilich befürchten, dass kurzfristige Lösungen wie die gekürzte Pensionsanpassung 2013 noch öfter den Vorzug vor tiefer greifenden Pensionen erhalten. Dabei würden die Menschen gerne länger arbeiten, wenn sie danach eine bessere Pension zu erwarten hätten.

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