TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 29. Oktober 2012 von Peter Nindler "Im Würgegriff der Großmannssucht"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Die Osttiroler Touristiker haben ihren Tourismusverband an die Wand gefahren. Das Nein des Landes zur weiteren Darlehensaufnahme von fünf Mio. Euro ist die logische Konsequenz und eine schwere Niederlage für das System Köll.

In Osttirol heißt es Bezirkssolidarität. Wer jedoch das Protokoll der letzten Aufsichtsratssitzung des mit mindestens 8,4 Millionen Euro schwer verschuldeten Tourismusverbands Osttirol (TVB) liest, in der neue Darlehensaufnahmen von weiteren fünf Mio. Euro für Tourismusprojekte genehmigt wurden, gewinnt eher den Eindruck des touristischen Abtauschens: "Gibst du mir, dann geb ich dir." Diese Art der Tourismuswirtschaft hat in Osttirol System und wird vor allem vom langjährigen Bezirkskaiser und Matreier Bürgermeister Andreas Köll (VP) praktiziert.
Köll steht auch jetzt wieder im Mittelpunkt der Kritik. Doch mittlerweile bröckelt seine Macht, schließlich lässt ein Aufsichtsrat sogar ausdrücklich protokollieren, dass er sich die Drohungen Kölls nicht gefallen lässt. Man wehrt sich, dass das System des Schuldenmachens von der Gemeinde Matrei auf den gesamten Tourismusverband übertragen wird.
Dass die Tourismusabteilung im Land als Aufsichtsbehörde die überfallsartig beschlossenen Darlehensaufnahmen ablehnt, ist nur eine logische Konsequenz. Zu unausgegoren sind die Vorhaben, zu vage die finanziellen Bedeckungen. Teilweise wird lediglich mit künftigen Nächtigungsprognosen als zusätzlicher Einnahmequelle gerechnet. Hier musste das Land einfach hellhörig werden, zumal dem Tourismusverband bereits im Vorjahr das Wasser bis zum Hals stand und ihm ein harter Sanierungsplan verordnet wurde.
Aber warum sah das Land so lange zu? Weil Köll als Landtagsabgeordneter und Obmann des ÖVP-Arbeitnehmerflügels im Landhaus ein- und ausgeht? Weil er trotz ständigen Erklärungsbedarfs bei den Finanzen in Matrei und im TVB Osttirol nach wie vor Rückendeckung von ganz oben hat? Weil einige vom Köll schen Machtsystem nach wie vor profitieren? Wahrscheinlich liegen in den Fragen auch die entsprechenden Antworten.
Doch Köll hin oder her: Im Tourismusverband Osttirol benötigt es insgesamt eine personelle und strukturelle Reform. Der Selbstzerfleischungsprozess unter den Tourismusfunktionären hat längst eingesetzt. Solange sich jedoch jene an die touristische Macht klammern, die das Millionendesaster zu verantworten hatten und haben, droht dem Osttiroler Tourismus weiteres Ungemach.
Der Reformball liegt deshalb bei Andreas Köll und Co., aber auch beim Land Tirol. Und da ist Tourismusreferent Landeshauptmann Günther Platter am Zug.

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