Ethik- und Religionsunterricht: Podiumsdiskussion veranschaulicht mangelnden gesellschaftlichen Konsens

Wien (OTS) - Auf Drängen der ÖVP - und insbesondere der katholischen Kirche - dürfte die flächendeckende Einführung eines Ethikunterrichts bevorstehen. Und zwar ausschließlich als Pflichtfach für jene Schüler, die den Religionsunterricht nicht besuchen. Sind aber Ethik und Religion überhaupt gleichwertige Alternativen? Mit dieser Frage befasste sich ein, erstmals in Österreich, weltanschaulich breit gestreutes Expertenteam im Rahmen einer Podiumsdiskussion, die von der "Initiative Religion ist Privatsache" am Vorabend des Nationalfeiertages veranstaltet wurde.

Gleich zu Beginn der Veranstaltung in der Aula am Campus der Uni Wien stellte der Wiener Philosoph und Ethikexperte Konrad Paul Liessmann klar, dass fundamentale Unterschiede zwischen "Ethik" und "Religion" eine Behandlung beider Begriffe in einem Atemzug verhindern. Dem Vorhaben, einen Ethikunterricht flächendeckend als "Ersatzpflichtgegenstand" zum Religionsunterricht einzuführen, sei daher jegliche fachliche bzw. sachliche Basis entzogen. Aufsehen erregte Liessmann zudem mit der Bemerkung, dass er im Rahmen des Diskurses eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Zielsetzung und Inhaltgestaltung des Ethikunterrichts als künftigem Pflichtfach für alle Schüler vermisse. Liessmann zeigte sich zudem verwundert, dass im Rahmen des Religionsunterrichts, entgegen der Kernkompetenz der Glaubensvermittlung, vermehrt auf Ethik und andere Religionen eingegangen wird. Nationalrat und Bildungssprecher der Grünen Harald Walser bezog sich hingegen auf seine Praxis als Schuldirektor und plädierte wiederholt für die Einführung eines für alle Schüler verpflichtenden Ethik- und Religionenunterrichts. Dieser gehöre vom Religionsunterricht entkoppelt, um eine freie und sachliche Auseinandersetzung mit den zentralen Fragen, die die österreichische Gesellschaft beschäftigen, zu ermöglichen. Dieser Forderung schloss sich auch der Theologe Anton Bucher, der sich mit der Evaluierung des Schulversuchs Ethikunterricht intensiv befasst hat, an. Für Bucher haben "Ethik" und "Religion" in einem gemeinsamen Fach zu verschmelzen.

Eytan Reif, Vorstandsmitglied der "Initiative Religion ist Privatsache", veranschaulichte die fundamentalen Unterschiede zwischen den Fächern "Ethik" und "Religion", wie sie auch in der Praxis gelebt werden. Zahlreiche Themen, die im Rahmen des Ethikunterrichts behandelt werden wie Geschlechterverhältnis, Menschenrechte und Religionskritik, können im Rahmen des Religionsunterrichts nicht behandelt werden. Für Reif liefert die homophobe Grundeinstellung der Orthodoxen Kirchen gegenüber gleichgeschlechtlichen Beziehungen das beste Beispiel für die Absurdität einer Entweder-oder Regelung, wie von der ÖVP und den Religionsgemeinschaften gefordert. Für Reif sei zudem der gegenständliche politische Diskurs zur Einführung eines Ethikunterrichtes als Ersatzpflichtgegenstand "verlogen", da er lediglich die Sekundarstufe 2 betrifft und daher nicht die Wertevermittlung, die ja bereits in einem früheren Alter zu beginnen hat, sondern die Verhinderung der Abmeldung seitens religionsmündiger Schüler vom Religionsunterricht bezweckt. Dabei bezog sich Reif auch auf die wiederholten Behauptungen Gerda Schaffelhofers, der Präsidentin der Katholischen Aktion, wonach Ethik lediglich als Ersatz für Religion, die, gegenüber Ethik, ohnehin "ein Mehr anbietet", zu betrachten ist. Der Wiener Experte für islamische Religionspädagogik Ednan Aslan konzentrierte sich hingegen fast ausschließlich auf die IGGiÖ. Für ihn habe der islamische Religionsunterricht um jeden Preis geschützt zu werden, um den dringend notwendigen innergemeinschaftlichen Diskurs zu fördern und Radikalisierungstendenzen entgegenzusteuern.
Für Eytan Reif veranschaulicht der Verlauf der Diskussion, dass bezüglich der Rollen, die Religion und Ethik spielen und des Verhältnisses der beiden zueinander, kein Kosens herrscht bzw. herrschen kann. "Dies entzieht jedoch die Basis für das von der ÖVP und der Kirche favorisierte Ethikunterrichtsmodell, das auf dem jetzigen Schulversuch basiert", so Reif, der zudem den derzeit geltenden Schulversuch als "verfassungswidrig, und das gleich auf mehreren Ebenen" betrachtet.

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