"Diese verfluchten Stunden am Abend" - ORF/3sat-Doku über Häftlingsbordelle im KZ

Am 29. Oktober um 20.15 Uhr in 3sat

Wien (OTS) - In der ORF/3sat-Dokumentation "Diese verfluchten Stunden am Abend" über Häftlingsbordelle im KZ erzählt Andrea Oster am Montag, dem 29. Oktober 2012, um 20.15 Uhr in 3sat anhand des Schicksals der beiden Zwangsprostituierten Maria W. und Irka sowie einstiger Bordellbesucher das Martyrium dieser Frauen. Sie gewährt zudem anhand von Original-NS-Dokumenten wie Briefen, Bordellabrechnungen und Häftlingskarteikarten Einblicke in das kühl durchkalkulierte System von Heinrich Himmlers KZ-Bordellen.

Als Maria W. aus der Baracke tritt, hat sie bereits vier Jahre Zwangsarbeit im Frauen-KZ von Ravensbrück hinter sich. Auf dem Appellplatz warten schon der Lagerarzt und der SS-Kommandant aus Buchenwald. "Die schritten unsere Reihe ab, guckten alle einzeln an. Die und die und die Nummer vortreten. Und da hörte ich, wie Schildlauski, der SS-Arzt sagte: 'Das Gerippe da wollen Sie auch mitnehmen?' Das war ich! Und da hörte ich, wie dieser Kommandant sagte: 'Die ist gut gebaut, die füttern wir uns wieder zurecht.'" Maria W. ist eine von mehr als 200 Frauen, die für Heinrich Himmlers SS Zwangsarbeit leisten müssen: als Prostituierte in den elf "reichsdeutschen" KZ-Bordellen. Die größten befanden sich in den KZs von Mauthausen, Buchenwald und Auschwitz. "Sie haben - ich weiß nicht wie viele - am laufenden Band Männer empfangen müssen. Sie waren am Ende ruiniert."

Irma Trakzak, einst Siemens-Zwangsarbeiterin im KZ-Ravensbrück, hat mehrere Frauen kennengelernt, die sich zwangsprostituieren mussten. Jahrzehnte lang haben sie und andere Überlebende aus den Konzentrationslagern es vermieden, über das Thema "Zwangsprostitution im KZ" zu reden. Zu groß war die Scham der betroffenen Frauen. Und zu groß die Sorge der anderen KZ-Überlebenden, die Welt würde durch die Tatsache von Bordellen ein falsches Bild vom Lageralltag erhalten. Welche Schicksale erlitten die Zwangsprostituierten in den KZ-Bordellen? Welche Häftlinge besuchten das KZ-Bordell und nützten so die Zwangslage der Zwangsprostituierten aus? Und welche Dokumente der SS-Kommandanturen geben neutral Auskunft über Ziel, Aufbau und Organisation des Bordellalltags innerhalb der KZs?

Es ist der Sommer 1943. Das Trauma von Stalingrad erschüttert die Wehrmacht, die Bevölkerung und die SS. Plötzlich werden in den Konzentrationslagern Häftlinge und Kriegsgefangene wertvoll. Ohne ihre Zwangsarbeit würde das NS-System in Kürze kollabieren und zusammenbrechen. Doch die deutsche Rüstungsindustrie beschwert sich:
Als Leiharbeiter brächten die KZ-Häftlinge zu wenig Leistung. SS-Chef Heinrich Himmler solle sich etwas einfallen lassen! Der Berliner Kulturwissenschafter Dr. Robert Sommer hat zwölf Jahre zu dem Thema geforscht und darüber promoviert. Ihn erstaunt noch immer der kühl-rationale Ansatz, mit dem Himmler sich das System der KZ-Bordelle ersonnen hatte: "Lieber Pohl (...) für notwendig halte ich allerdings, dass in der freiesten Form, dem fleißig arbeitenden Gefangenen Weiber in Bordellen zugeführt werden. Ebenso muss ein gewisser kleiner Akkordlohn da sein. Wenn diese beiden Bedingungen gegeben sind, wird die Arbeitsleistung enorm steigen (...) gez. Himmler".

Im Herbst 1943 wird in Auschwitz ein Bordell nur für Häftlinge eröffnet. Josef Paczynski (93) arbeitet als Lagerfrisör. Der damals 19-jährige Kapo besucht das Bordell, allerdings nach eigenen Angaben "ohne mit einer Frau geschlafen zu haben". In seiner Erinnerung arbeiteten dort "21 junge schöne Frauen, alle schön frisiert, mit hohen Schuhen und eleganter Kleidung. Den Frauen ging es dort gut, die hatten alles, was sie brauchten." Wie der polnische KZ-Überlebende Paczynski machen sich die meisten männlichen Häftlinge wenig Gedanken um das Leid der Zwangsprostituierten. So auch Sigmund Sobolewski. Auch er ist 19 und arbeitet als Kapo in Auschwitz, als er das Lagerbordell besucht. Doch bei ihm bleibt es nicht beim Reden, er verliebt sich in die attraktive Polin Irka, eine Zwangsprostituierte aus Warschau. Und er versucht alles, um sie wiederzusehen - auch nach dem Krieg. "Sie trug offene Haare und Make-up und hatte schöne Unterwäsche an. Beim ersten Mal gab es keinen Sex, da haben wir nur geredet. Man hatte ihr versprochen, dass sie frei kommt, wenn sie ein halbes Jahr im Bordell arbeitet. Sie hat fest daran geglaubt."

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