Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Energiewende, gewendet"

Ausgabe vom 18. Oktober 2012

Wien (OTS) - Europa ist mit viel Euphorie in die Energiewende gestartet. Der Verbrauch soll gedrosselt, die Umweltbelastung reduziert werden. Und zwar so, dass sich eigentlich nichts ändert. Biosprit und Strom aus erneuerbaren Energien sollten dies möglich machen. Nun ist Europa hart gelandet. Biosprit kam von zwei Seiten unter Druck: Für die Ernährung der Menschheit benötigte agrarische Rohstoffe wurden plötzlich verspritet, was zuletzt sogar den Papst zu einer kritischen Würdigung veranlasste. Die neue Absatzchance ließ die Preise von Grundnahrungsmittel klettern - und damit den Hunger unter den Ärmsten. Zudem begannen internationale Organisationen die Umweltbilanz des "E10" zu hinterfragen. Nun reduziert die EU-Kommission die Alkohol-Beimischung und rief auf, "biogene Abfall-Stoffe" zu verspriten. Dazu benötigt es Forschung.

In Berlin bereitet die Regierung eine "Not-Verordnung" für den Winter vor, mit der Energieversorgern vorgeschrieben wird, (meist mit fossilen Brennstoffen) betriebene Kraftwerke laufen zu lassen. Deutschland fürchtet sich vor einem "black-out". Gleichzeitig denkt der für Energie zuständige EU-Kommissar Oettinger laut darüber nach, die Stromnetze in Deutschland zu verstaatlichen, um deren Ausbau zu beschleunigen.

Energiewende klingt sympathisch und ist daher politisch schön zu formulieren. Bei der technischen und finanziellen Umsetzung hapert es aber gewaltig. Einer der Gründe dafür liegt - wieder einmal - in der nationalen Souveränität der Energiepolitik, zu der auch Österreich einiges beitrug.

Die führt dazu, dass Frankreich unverdrossen auf Atomkraft setzt, während Deutschland seine AKW abschaltet. Eine europaweite Koordinierung der Energieproduktion gibt es nicht. Die Stromnetze allerdings, die hängen alle unauflöslich zusammen und ächzen unter dem Ungleichgewicht. Ein Zusammenbruch in Deutschland könnte auch in Österreich die Lichter ausgehen lassen. Tolle Souveränität, oder?

Und dass die europäischen Bauernverbände steigende Agrarpreise gut finden, ist zwar verständlich, aber ebenfalls zu kurz gedacht. Erstens kommt ein Teil des Biosprits aus China und Brasilien. Zweitens sind sie für die Konsumenten in armen Ländern eine Katastrophe. Die Energiewende zeigt erneut, dass nationale Entscheidungen in supra-nationalen Strukturen flüssiger sind als Wasser: überflüssig.

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