TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Samstag, 13. Oktober 2012, von Floo Weißmann: "Mahnung an Europas Streithähne"

Innsbruck (OTS) - Der Friedensnobelpreis für die Europäische Union würdigt eine beispiellose Erfolgsgeschichte, die heute oft als Selbstverständlichkeit gilt. Das Nobelkomitee stärkte zugleich den Pro-Europäern atmosphärisch den Rücken.

Der Beitrag, den ein organisiertes und lebendiges Europa für die Zivilisation leisten kann, ist unerlässlich für die Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen." Also sprach der französische Außenminister Robert Schuman 1950 und legte damit einen Grundstein für die europäische Integration. Sein Projekt wurde zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte, für die es heuer den Friedensnobelpreis gibt. Die Auszeichnung ist gut argumentierbar und kommt in einer kritischen Phase.
Natürlich melden sich auch in diesem Jahr zahlreiche Kritiker und Spötter zu Wort. Die Palette reicht von EU-Gegnern bis zu jenen, die lieber eine Unterstützung für Menschenrechtsaktivisten in Russland gesehen hätten. Erwähnung verdient auch der Einwand, dass Alfred Nobel den Friedenspreis an denjenigen vergeben wissen wollte, der "im vergangenen Jahr" am meisten für den Frieden getan hat. Allerdings hat sich das Nobel-Komitee schon länger von diesem engen Zeitrahmen verabschiedet.
Doch selbst Kritiker müssen zugeben, dass die EU einen Krieg zwischen ihren 27 Mitgliedern sowie ihren engsten Partnern nahezu unmöglich gemacht hat. Und das auf einem Kontinent, wo jahrhundertelang jeder gegen jeden gekämpft hatte und wo zwei Weltkriege begonnen haben. Zwei Generationen später ist Europa eine Zone des Friedens und - trotz Krise - relativen Wohlstands, mit relativ hohen Standards in Sachen Demokratie und Menschenrechte. Viele Europäer betrachten dies als Selbstverständlichkeit, weil sie gar nichts anderes mehr kennen oder sich vorstellen können. Tatsächlich aber ist die EU ein Produkt von Vision und harter Arbeit über Jahrzehnte und das Nobelkomitee - in dem keine EU-Bürger sitzen - hat dies zu Recht anerkannt.
Der Zeitpunkt der Auszeichnung, die seit Jahren erwartet worden war, lässt zugleich ein politisches Motiv vermuten. Die aktuelle Krise stellt das vereinte Europa vor seine bisher größte Herausforderung. Die internen Spannungen wachsen. In dieser heiklen Phase stärkt der Nobelpreis den überzeugten Europäern zumindest atmosphärisch den Rücken - auch wenn es heute vordergründig nicht mehr um Frieden geht, sondern um die Verteilung von Ressourcen und Macht. Zugleich kann der Preis als Mahnung verstanden werden. Wenn die Europäer ihr Erfolgsmodell nicht über Bord werfen wollen, reichen Lippenbekenntnisse nicht aus. Schuman schrieb seinen Nachfolgern schon vor 62 Jahren hinter die Ohren: "Europa wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen.

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