Neue Entscheidungen des Presserates

Wien (OTS) - Der Senat 2 des Presserates hat sich in seiner Sitzung am 4.9.2012 u.a. mit folgenden Themen befasst:

1. "Live-Ticker" über das Begräbnis eines Kindes

Mehrere User beanstandeten einen "Live-Ticker" auf der Webseite oe24.at über das Begräbnis eines siebenjährigen Kindes, das von seinem Vater umgebracht wurde.

Der zuständige Senat bewertete den "Live-Ticker" als Verstoß gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse.

Der "Live-Ticker" verletzt laut Senat gleichermaßen die Intimsphäre der Familienmitglieder wie jene des verstorbenen Kindes. Die Persönlichkeit des Kindes genießt auch postmortal Schutz.

Ein Begräbnis, dem üblicherweise nur die Familie und der Freundeskreis beiwohnen, jene Menschen also, die dem Verstorbenen im Leben nahestanden, ist ein Ereignis, das dem von der Intimsphäre geschützten Bereich zuzurechnen ist.

Ein öffentliches Interesse, über den Verlauf eines Begräbnisses in detaillierter Weise informiert zu werden, besteht grundsätzlich nicht. Ein solches Interesse kann nur in Ausnahmefällen angenommen werden, z.B. wenn eine Person des öffentlichen Lebens zu Grabe getragen wird.

Das verstorbene Kind geriet nur deshalb in den Fokus der Medien, weil es Opfer eines tragischen Gewaltverbrechens wurde. Bei Kindern ist gemäß Punkt 6.1 des Ehrenkodex für die österreichische Presse der Schutz der Intimsphäre Vorrang vor dem Nachrichtenwert einzuräumen.

Das Begräbnis eines getöteten Kindes via "Live-Ticker" zu "übertragen", ist mit dem öffentlichen Interesse am Mordfall nicht zu rechtfertigen. Die bloße Mitteilung, dass der getötete Junge beerdigt wurde, hätte dem Recht der Öffentlichkeit auf Information Genüge getan. An einem minutiösen Bericht vom Begräbnis eines Kindes kann der Senat keinen zusätzlichen Nachrichtenwert erkennen.

Formulierungen wie "Die Mienen der Trauernden sind schmerzverzerrt." oder "...viele weinen, schluchzen, halten einander." sind nicht von den Informationsinteressen der Öffentlichkeit gedeckt, sondern bedienen bloß die Neugierde mancher Leser.

Hier wurden nicht nur die Persönlichkeitsrechte des verstorbenen Kindes verletzt, sondern auch jene seiner nahen Angehörigen. Durch die Offenlegung sehr persönlicher Details wurde das Pietätsgefühl der Trauernden missachtet und ihre Trauerarbeit erschwert.
Außerdem kommt im konkreten Fall noch hinzu, dass am Tag vor dem Begräbnis einer APA-Meldung zu entnehmen war, dass die Familie des verstorbenen Kindes die Teilnahme von Medienvertretern am Begräbnis nicht wünschte.

Medieninhaber wie auch Journalisten tragen Verantwortung dafür, ob und in welcher Weise sie eine Kommunikationsform wie einen "Live-Ticker" nutzen. Gerade bei dramatischen Ereignissen wie Katastrophen, Verbrechen oder Todesfällen ist besondere Sensibilität gefragt.

Oe24.at hat aufgrund der negativen Reaktionen der User den "Live-Ticker" abgebrochen und sich entschuldigt. Der Senat begrüßt diese Entschuldigung und bewertet sie positiv. Dennoch hielt er es für erforderlich, aufgrund der Schwere des Falles einen Verstoß gegen den Ehrenkodex festzustellen.

Im vorliegenden Fall hat der Senat 2 des Presserats aufgrund mehrerer Mitteilungen von Lesern ein Verfahren durchgeführt (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, hat die Media Digital GmbH als Medieninhaberin von "www.oe24.at" keinen Gebrauch gemacht.

Bisher hat sich das Medium "www.oe24.at" der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserates nicht unterworfen.

2. Vorabdruck des Romans "Shades of Grey - Geheimes Verlangen" in der Kronen Zeitung (Fall 2012/70)

Ein Leser empfindet den Vorabdruck von Teilen des Romans "Shades of Grey - Geheimes Verlangen" in der Kronen Zeitung als Pornografie.

Der Senat sah hier keinen Grund, ein Verfahren einzuleiten.

Nach Ansicht des Senats ist die Veröffentlichung eines Auszuges eines literarischen Werkes, in dem sadomasochistische Vorlieben wie vorliegend beschrieben werden, heutzutage im Großen und Ganzen von der Gesellschaft akzeptiert. Vorabzüge des Buches "Shades of Grey" sind nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern weltweit auf diese Art und Weise in Zeitungen vermarktet worden. Bei der Entscheidungsfindung spielte neben der Presse- und Meinungsfreiheit auch die Kunstfreiheit eine Rolle.

Natürlich ist es möglich, dass Vorabdrucke von Teilen literarischer Werke - wie auch die Werke selbst - nicht immer den Geschmack aller Leser treffen, so der Senat weiter. Über Geschmacksfragen entscheiden die Senate des Presserates jedoch nicht. In den Feuilletons der Zeitungen sind diese Fragen zu dem Buch "Shades of Grey" ohnehin ausführlich diskutiert worden.

Die Entscheidungen im Langtext finden Sie auf der Homepage des Presserates (www.presserat.at).

Rückfragen & Kontakt:

Dr. Andreas Koller
Senatssprecher
Tel.: 01-53153-830

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