Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 12. Oktober 2012. Von WOLFGANG SABLATNIG. "Dogmen hemmen den Fortschritt".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Auch der mächtige Wiener SPÖ-Chef und Bürgermeister Michael Häupl kann sich Studiengebühren vorstellen, wenn gleichzeitig die soziale Absicherung stimmt. Am Parteitag will die SPÖ das Thema aber nicht einmal diskutieren.

Die Diskussion über die Universitäten wird schon lange mit verdeckten Karten geführt. Zwischen SPÖ und ÖVP spitzt sich alles auf die Fragen von Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren zu. Beides wollen die Rektoren. Beides wollen die ÖVP und ihr Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle. Beides widerspricht aber dem Dogma der SPÖ vom freien Zugang zu den Unis. Aber beides lässt sich schon lange nicht mehr so schwarz und weiß darstellen, wie es die Verfechter des freien Uni-Zugangs gerne hätten.
Denn so frei ist der Uni-Zugang schon lange nicht mehr. Bereits jetzt muss sich laut Wissenschaftsministerium jeder siebente neue Studierende einer Universität vor der Zulassung einer Prüfung stellen. Und an Fachhochschulen sowie Pädagogischen Hochschulen sind Aufnahmeprüfungen längst Alltag.
Auch das Argument der sozialen Hürden sticht nicht mehr. Alle roten Pragmatiker, die mit dem kategorischen Nein ihrer Partei zu Studienbeiträgen hadern, stellen den Ausbau der Stipendien in den Vordergrund, ob sie nun Gabi Burgstaller, Michael Häupl oder Franz Voves heißen. Sie haben erkannt, dass der freie Zugang nicht gleichbedeutend mit dem gebührenlosen sein muss. "Ich bin nicht der Verteidiger der Millionärskinder", sagt Häupl. Und Burgstaller verweist auf die Ungerechtigkeit, dass ein Facharbeiter für die Meisterprüfung tief in die Tasche greifen muss - die Unis aber gratis sein sollen.
Studiengebühren und mehr Stipendien, das fordert auch Wissenschaftsminister Töchterle. Die Modelle mögen sich zwar noch unterscheiden oder unterschiedlich konkret sein. Auf den Inhalt kommt es vielfach aber ohnehin nicht an - leider. Allerdings, und noch einmal sei Häupl zitiert: "Wenn man nicht wirklich Ergebnisse erzielen will und immer nur schaut, dass der andere keinen Erfolg hat, wird es nicht funktionieren."
Die SPÖ wird sich um die Debatte daher nicht auf Dauer drücken können, auch wenn sie das Thema vom morgigen Parteitag am liebsten fernhalten würde. Nicht drücken kann sich aber auch die ÖVP, deren Schuldogmen mindestens ebenso tief sitzen.
Offen ist nur, welche Partei sich als erste bewegt. "Wer sich als Erster bewegt, hat verloren", heißt es oft. Das mag im Volksmund stimmen. In der Bildungspolitik hingegen wäre der Beweglichere der Sieger. Denn Dogmen hemmen den Fortschritt.

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