Gesellschaft in der Krise

Innsbruck (OTS/TT) - Von Max Strozzi

Untertitel: Tausende auf den Straßen und verzweifelte Jugendliche, die im Klassenkampf aufwachsen. Europa muss aufpassen, dass die größte Finanz- und Schuldenkrise nicht in der größten gesellschaftlichen Krise ausartet.

Text: Die Zukunftsaussichten für Europas Jugendliche waren lange nicht mehr so düster wie derzeit. Spanier, Griechen und Portugiesen, die zu Tausenden auf die Straßen marschieren, können einen Trauermarsch davon singen. In Spanien und Griechenland ist mehr als jeder zweite Jugendliche arbeitslos, in Portugal und Italien jeder Dritte. Seit Beginn der internationalen Finanzkrise hat die Jugendarbeitslosigkeit in der Europäischen Union um die Hälfte zugenommen. Während im Februar 2008 knapp 15% der 15- bis 24-Jährigen arbeitslos waren, stieg die Quote bis zum vergangenen Juli auf 22,5%. Dabei sind die Zahlen noch geschönt. Jene, die resigniert haben, kommen in der Statistik gar nicht vor und verschwinden in der Schattenwirtschaft.
Die Finanzkrise und das Schuldendesaster drohen in eine europäischen Gesellschaftskrise auszuarten, die sich nicht mit Rettungsschirmen und Sparpaketen bekämpfen lässt. Es droht nicht nur die viel zitierte verlorene Generation heranzuwachsen, sondern auch eine, in der der Klassenkampf ein Teil ihrer Sozialisation wird. Geht es nach dem Jugendforscher Bernhard Heinzelmaier, schottet sich mittlerweile bereits im Jugendalter eine privilegierte, euphorische Oberschicht mit ausgefeilter Ellbogentechnik gegen eine Mittel- und Unterschicht ab, der es zunehmend schwerer fällt, trotz guter Ausbildung Jobs zu finden. Und wenn, handelt es sich immer häufiger um prekäre Arbeitsverhältnisse mit großem Druck, vergleichsweise niedrigem Lohn und geringer Jobsicherheit, die kaum eine langfristige Lebensplanung ermöglichen. Zeitgleich wachsen vielen Staaten die Schuldenberge über den Kopf und fließen unvorstellbare Milliardensummen der Steuerzahler in ein Bankensystem, das sich im Finanz-Casino verzockt hat und es nun als selbstverständlich erachtet, dass der Steuerzahler wieder seine Kassen füllt. Und sie rettet, wobei von Rettung noch nicht die Rede sein kann.
Die Zeche bekommt letztlich auch Europas Jugend präsentiert. In der Gegenwart mit fehlendem Geld für Bildung sowie mit der erschwerten Jobsituation und in Zukunft mit dem Abstottern der Staatsschulden. Österreich und Tirol stehen bei der Jugendarbeitslosigkeit noch vergleichsweise gut da. Knapp 5,7% der jungen Tiroler sind arbeitslos. Aber ringsum - in Italien, Spanien, Portugal, Griechenland oder auch in Frankreich - sehen immer mehr Jugendliche derzeit einfach keine Zukunft mehr.

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