Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Kohl und Merkel"

Ausgabe vom 28. September 2012

Wien (OTS) - Es wird in den vergangenen Jahren nicht oft vorgekommen sein, aber im Moment dürfte Angela Merkel ganz froh sein, Helmut Kohl auf die Schulter klopfen zu können. Schließlich war es "Kohls Mädchen", das den Bruch zwischen der CDU und deren einstigem Übervater herbeigeführt hat. Das vergisst kein ehemaliger Patriarch.

Die Chance, die mit dem 30. Jahrestag der Wahl Kohls zum deutschen Bundeskanzler (1. Oktober) verbunden ist, wollen sich aber weder Merkel noch der 82-jährige Kanzler der deutschen Einheit entgehen lassen. Für Kohl geht es um die Rückkehr in die Arme seiner Partei; für Merkel darum, ihre eigene Politik in einen größeren Zusammenhang zu stellen: Von Konrad Adenauer über Kohl zu Merkel - das verleiht historische Tiefe und politische Legitimation; beides Dinge, die Merkel gut gebrauchen kann, angesichts des Vorwurfs, sie habe die CDU ihrer konservativen Seele beraubt.

Dieser Aspekt kommt in der Hektik der teils schon absurden Dynamik von Politik zu kurz. Das Gespür für die Notwendigkeit, Grundsatzentscheidungen in einen größeren Zusammenhang zu stellen, erodiert in einer Zeit, in der schon die Erinnerung an die Beschlüsse verblasst, die noch keine zwei Wochen alt sind.

Kohl war ein Politiker ganz eigener Art - mitunter selbstgewiss bis zur Hybris. Vielleicht muss so sein, wer sich vom Mantel der Geschichte in Beschlag nehmen lassen will. Nur dass es zu seinen Zeiten ausreichte, eine Handvoll mehr oder weniger subtil ausgelebte Männerfreundschaften zu pflegen - mit Francois Mitterrand, George Bush senior, Michail Gorbatschow, Boris Jelzin, das reichte eigentlich schon.

Heute ist es ungleich komplizierter. Die Würfel fallen nicht mehr beim gemeinsamen Saunagang, beim Spaziergang mit Strickjacke, gerne auch im Wald; an die Stelle dieser fast intimen Politik sind endlose Gipfelreigen und diskrete Telefonkonferenzen getreten, begleitet von einer permanenten Besuchsdiplomatie rund um den Globus. Und auf Gipfeln werden schon lange keine Durchbrüche mehr besiegelt, sondern es wird allenfalls noch ein nächster kleiner Schritt bewerkstelligt. Ob in die richtige oder falsche Richtung, erschließt sich oft erst im Nachhinein.

Kohl hätte diese Art von Politik vermutlich keinen Spaß gemacht. Geschichte schreibt seine Nachfolgerin trotzdem - man weiß nur noch nicht, in welcher Rolle.

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