Die Presse am Sonntag - Leitartikel: "Der andere Kampf ums Kind", von Ulrike Weiser

Ausgabe vom 23.09.2012

Wien (OTS) - Die Bioethikkommission hat sich für eine Liberalisierung der Regeln der Fortpflanzungsmedizin ausgesprochen. Die Debatte über Gentests an Embryos geht damit in die nächste Runde.

Sollen Frauen Eizellen spenden, Lesben sich künstlich befruchten lassen dürfen? Von den vielen kontroversen Fragen, die die Bioethikkommission behandelt hat - und mit einer Mehrheit mit "Ja" beantwortet hat -, regt die Debatte um eine beschränkte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) noch immer am meisten auf.
Worum geht es? Die PID erlaubt Eltern, die ein großes genetisches Risiko für Fehl- oder Totgeburten oder für eine schwere, nicht therapierbare Erbkrankheit haben, den Embryo auf Gendefekte untersuchen zu lassen, bevor er in den Mutterleib eingesetzt wird. In den meisten Ländern Europas ist das erlaubt (in Deutschland seit 2011), auch bei uns wurde die PID schon 2004 von der Kommission vorgeschlagen. Das Thema ist also alt, der Kampf beginnt aber immer aufs Neue. Denn es geht um kaum einvernehmlich zu lösende, ideologische Grundsatzfragen zur Fortpflanzungsmedizin, für deren Erörterung die kleine Gruppe jener, die dringend eine PID bräuchten, zwar nicht gut geeignet ist, aber trotzdem herhalten muss. Drei der Konflikte seien hier genannt:
Erstens: Die Frage, wann schützenswertes Leben beginnt. Tatsächlich ist ein PID-Verbot absurd, denn die Rechtslage ist unlogisch. Betroffene haben die Option, auf ein Kind zu verzichten oder bewusst (immer wieder) eine Risikoschwangerschaft einzugehen, ein behindertes Kinder dürften sie dabei im Extremfall bis knapp vor der Geburt abtreiben. Eine vorgelagerte Untersuchung des Embryos "in vitro", im Reagenzglas, verbietet das Gesetz dagegen. Warum?
Ist Leben "in vitro" mehr wert als im Mutterleib (das innerhalb der Frist ja auch ohne Angaben von Gründen beendet werden kann)? Verbirgt sich dahinter etwa der zynische Ansatz, dass man solchen Menschen die Entscheidung ja nicht zu leicht machen darf, quasi: Etwas Leid muss sein?
Das bringt uns zu Punkt zwei. Richtig ist: Entscheidungen fallen künftig in der Fortpflanzungsmedizin in einem früheren Stadium, also wenn man will, "leichter". Damit wird auch der Wunsch nach einem gesunden Kind vielleicht deutlicher formuliert als bisher. Und auch wenn es bei der PID oft eher um eine Entscheidung für ein Kind gehen wird, das sonst ja gar keine Lebenschancen hätte, wird der Gentest von Menschen, die jene Krankheit oder Behinderung haben, die man mit der PID vermeiden will, auch als Nein zu ihrem eigenen Leben interpretiert. Natürlich wird man entgegnen, dass man zwischen Krankheit/Behinderung und betroffenem Mitmenschen unterscheidet. Man muss aber die Angst dahinter ernst nehmen, nämlich dass Eltern, die sich trotz Risikos gegen Tests und für ein Kind mit (schwerer) Behinderung entscheiden, unter Druck geraten könnten. Deshalb muss klar sein: Wahlfreiheit geht nicht nur in eine Richtung, das Recht auf Wissen inkludiert auch Nichtwissen. Beides ist zu respektieren. Das setzt freilich voraus, dass man den Betroffenen zutraut, in Eigenverantwortung Entscheidungen zu treffen. Mit diesem Vertrauen ist es aber offenbar nicht weit her. Zum Repertoire der PID-Debatte gehört das Designerbaby genauso wie NS-Selektionsvokabular. Und es wird - das wäre nun Punkt drei - gern das Totschlagargument des "slippery slope" gebracht, des "rutschigen Abhangs", also die stete Warnung, dass jede Technologie missbraucht werden kann. Und, ja, es stimmt, die PID kann zu anderen Zwecken (etwa zur Geschlechterbestimmung zwecks Familienplanung) oder zum Screening eingesetzt werden. Die Bioethikkommission selbst hat den Vorschlag eingebracht, als letztes Mittel die PID zur Zeugung von "Rettungsgeschwistern" einzusetzen, um z. B. einem bereits lebenden Kind mit einer Gewebespende zu helfen. Ob das tatsächlich eine Option sein kann, darüber wird man gut nachdenken müssen. Etwas aber ist ganz sicher keine Alternative: die Empfehlung der Kommission in der Schublade verschwinden zu lassen. So, wie man das 2004 schon einmal getan hat.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
chefvomdienst@diepresse.com
www.diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001