"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Büchse der Pandora ist seit Langem geöffnet" (von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 22.09.2012

Graz (OTS) - Natürlich wird es wieder einen Aufschrei geben.
Einen Aufschrei gegen das Votum der Bioethikkommission, die sich mehrheitlich für die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) und somit für Gentests von Embryonen im Labor ausgesprochen hat. Und die damit den Weg ebnet für die von SPÖ und Grünen geforderte Novelle des Fortpflanzungsmedizingesetzes, das die PID wie auch Eizellenspenden und Samenspenden Dritter bei künstlicher Befruchtung derzeit verbietet.

Dass die Kritik an einer Freigabe der PID in der Ethikkommission selbst erfolgte und es nur ein Mehrheitsvotum gibt, liegt auf der Hand. Zwangsläufig provoziert jede pränatale Untersuchung über eine mögliche Behinderung den Vorwurf, dass Leben in lebenswert und lebensunwert eingeteilt wird.

Ethisch unproblematisch ist weder die nun empfohlene Freigabe der PID noch das derzeitige Verbot. Immerhin führt das Verbot zur absurden Situation, dass Embryonen zwar im Labor geschützt sind und nicht auf schwere Gendefekte untersucht werden dürfen, im Mutterleib aber bei schwerster Behinderung sogar bis zur Geburt abgetrieben werden können. Nach dem Transfer in den Mutterleib findet somit legal und massenhaft Selektion statt.

Die Warnung vor einem Dammbruch geht deshalb ins Leere. Er ist längst passiert, die Büchse der Pandora seit Langem geöffnet. Selektion von Leben findet seit Jahrzehnten statt. Da sind Gentests bei begrenzter Zulassung für schicksalhafte Einzelfälle nur mehr ein Randthema. Sie würden Eltern mit schwersten Erbkrankheiten, die sich nach Fehlgeburten keine Schwangerschaft mehr zutrauen, ermöglichen, ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Wer kann diesen Eltern erklären, dass sie aus ethischen Gründen auf Gentests verzichten müssen? Weil das selektive Potential der Tests die Gefahr einer weiteren Diskriminierung von Behinderten birgt? Am grünen Tisch lässt sich leicht darüber philosophieren, dass sich der Mensch annehmen soll wie er ist. Oder dass er nicht das Schicksal abschaffen soll. In der Praxis zerschellen all diese Argumente am Leid der Betroffenen.

Ein Minenfeld für jeden Abgeordneten wird aber auch bei der Samenspende das Recht des Kindes sein, seinen Vater zu kennen. Ebenso wird ein Ja zur Eizellenspende ohne Einschränkung kaum möglich sein. Denn da geht es nicht nur um die Erfüllung von Kinderwünschen. Da geht es auch um Spenderinnen, die ihren Körper oft aus sozialer Not zur Ausbeutung freigeben. Und in einem Millionengeschäft ihre Gesundheit riskieren.****

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