Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Herbst-Lohnrunde"

Ausgabe vom 19. September 2012

Wien (OTS) - Es wird viel von sozialer Gerechtigkeit gesprochen in der SPÖ, in Österreich, aber auch in Europa. Zu dieser Gerechtigkeit zählt auch die Verteilung jener Gewinne, die von den Unternehmen erwirtschaftet werden. In den vergangenen Jahren - mit Ausnahme des Jahres 2011 - haben die Arbeitnehmer durchwegs einen geringeren Anteil erhalten, als nach den Gewinnsteigerungen zu erwarten gewesen wäre.

Die Gewerkschaft sieht sich aber - auch in der Industrie - einem komplexen Thema ausgesetzt: Flexibilität. Die Zahl der Leiharbeiter steigt seit Jahren, sie sind in der Krise rasch abzubauen. Es geht hier mittlerweile um an die 80.000 Beschäftigten. Aus der ursprünglichen Idee, damit Arbeitsspitzen in Betrieben abzufangen, ist längst ein Flexibilisierungsinstrument für die Unternehmen geworden.

Es geht also mittlerweile nicht mehr bloß um Prozentsätze, ein Wachstum für private Konsumausgaben oder auch die Beitragsgrundlagen der Sozialversicherungen.

Es gilt mittlerweile auch, die Symmetrie im Arbeitsleben beizubehalten. Die Frage ist allerdings: Geht das noch?

Österreich hat - im Gegensatz zu anderen Ländern der Europäischen Union - noch einen recht stabilen Industrieanteil. Das ist ein gar nicht kleiner Teil der guten Zahlen des Landes. In Oberösterreich, dem wichtigsten Industrie-Bundesland, herrscht de facto Vollbeschäftigung - das können nicht viele Regionen in der EU von sich behaupten.

Die Gewerkschaft weiß das und hat in der langen Tradition der Kollektivvertragsverhandlungen darauf immer Rücksicht genommen. Der Schachzug der Arbeitgeberseite, die Lohnrunde aufzusplitten und -entlang der Organisation der Wirtschaftskammer - getrennt verhandeln zu lassen, ist ein unfreundlicher Akt.

Diese Taktik wird in den kommenden Verhandlungsrunden die Kompromissbereitschaft der Gewerkschaft nicht heben. Es wäre wenigstens klug von der Arbeitgeberseite, sich der Kurzarbeitsregelung auf dem Höhepunkt der Krise zu entsinnen. Die Gewerkschaft hat dabei bewiesen, dass sie Beschäftigten Lohnverluste zumutet, wenn die Not groß ist.

Relativ hohe Inflation, praktisch kein Produktivitätsfortschritt, aber gute Unternehmensgewinne - das sind die Eckpfeiler für den kommenden Abschluss.

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