Wirtschaftskammer: Gegen Fachkräftemangel mit Reformen bei Bildung und Pensionen sowie qualifizierter Zuwanderung

WKÖ-Hochhauser: Trotz Krise 150.000 offene Stellen in den nächsten sechs Monaten - Bevölkerungsexperte Münz: Demografie macht Fachkräftemangel für Jahrzehnte zum Thema

Wien (OTS/PWK627) - Trotz Verschärfung der Wirtschaftskrise spitzt sich der Fachkräftemangel in Österreich zu. Jeder vierte Arbeitgeberbetrieb will im kommenden halben Jahr Personal einstellen - in Summe werden knapp 150.000 Mitarbeiter benötigt. Das ergibt eine von der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) beauftragte market-Umfrage, die Generalsekretärin Anna Maria Hochhauser heute, Dienstag, bei einer Pressekonferenz in Wien präsentiert hat. Bevölkerungsexperte Rainer Münz berichtete über die negativen Folgen der demografischen Entwicklung für den Arbeitsmarkt und notwendige Gegenmaßnahmen.

"Die Betriebe suchen in erster Linie Personen mit Lehrabschluss -hier hat sich der Bedarf mit 35.000 zu besetzenden Stellen gegenüber 2011 nahezu verdoppelt. Auch der Bedarf an Lehrlingen ist massiv gestiegen, um ganze 20 Prozent. Es geht also um die Fachkräfte von heute und morgen", so Hochhauser. Doch die Suche gestaltet sich schwierig: 3/4 der Arbeitgeberbetriebe meint, dass es zu wenig Fachkräfte gibt, bei Betrieben mit 6 bis 20 Mitarbeitern sind es sogar 83 %. 1/3 der Betriebe findet bereits jetzt in manchen Bereichen keine geeigneten Kandidaten, bei den Unternehmen ab 20 Beschäftigten können sogar 2/3 nicht alle offenen Stellen besetzen.

Ein Blick auf die demografische Entwicklung zeigt, dass sich daran nicht so bald etwas ändern wird, im Gegenteil: "Der Fachkräftemangel wird uns auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten begleiten", betonte Bevölkerungsexperte Münz. "Als eine Spätfolge der niedrigen Geburtenzahlen verlassen jedes Jahr weniger Schülerinnen und Schüler das österreichische Bildungssystem in Richtung Arbeitsmarkt, zugleich rücken die Babyboomer 1950er- und 60er Jahre in die Pension vor." Negativ wirkten zudem das im OECD-Vergleich sehr niedrige Pensionsantrittsalter von durchschnittlich 58,9 Jahren bei Männern und 57,5 Jahren bei Frauen sowie die niedrige Beschäftigungsquote unter Frauen mit kleinen Kindern. "Die Altersstruktur ist Schicksal. Wie wir damit umgehen aber nicht", so Münz.

"Die Betriebe fordern zu Recht mehr Engagement im Kampf gegen den Fachkräftemangel - in der Aus- und Weiterbildung, bei der Frauenbeschäftigung und auch, indem Österreich seine Attraktivität als Zielland für qualifizierte Zuwanderer stärker hervor streicht", zitiert Hochhauser ein weiteres Umfrageergebnis. Dieser Ruf kommt nicht von ungefähr. Erstmals hat die WKÖ erhoben, wie Österreichs Arbeitgeber ihre Beschäftigten mit Migrationshintergrund beurteilen -und positives Feedback erhalten. Mehr als 3/4 der Betriebe (77%) halten Personen mit Migrationswurzeln für wichtig in ihrem Betrieb. Geschätzt werden vor allem deren Engagement, Flexibilität und Sprachkenntnisse.

Hochhauser und Münz stimmten überein, dass ein Mix an Strukturreformen sowie qualifizierte Zuwanderung nötig sind, um den Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen. Hochhauser:
"Selbstverständlich setzt die Wirtschaft alles daran, den Bedarf an Fachkräften zu allererst im Inland zu decken. Wir müssen bei den Jungen und damit im Bildungsbereich ansetzen, ebenso bei älteren Arbeitnehmern und bei den Frauen. Dringend gefordert sind Anreize zur Beschäftigung älterer Arbeitnehmer, um das faktische Pensionsalter deutlich anzuheben. Selbst die besten Reformen werden aber nur mittel- und langfristig greifen und alleine nicht ausreichen. Daher müssen wir zusätzlich im Ausland nach Talenten 'fischen' - in der EU, wo der Zuzug aufgrund der Binnenmarkt-Freiheiten relativ einfach ist und die WKÖ gerade ihre Rekrutierungsoffensive in den südlichen Krisenländern ausbaut, insbesondere aber auch in Drittstaaten."

Im Rahmen eines Gesamtkonzeptes soll die Attraktivität Österreichs für gut qualifizierte, international mobile Menschen gesteigert werden. Notwendig sei etwa die Weiterentwicklung der Rot-Weiß-Rot Karte, die seit 1. Juli 2011 die qualifizierte Zuwanderung aus Drittstaaten erleichtern soll. Hochhauser: "Die Rot-Weiß-Rot Karte ist ein toller Erfolg. Nach nur einem Jahr hat es mit knapp 2000 Bewilligungen fast doppelt so viele gegeben wie unter dem alten Schlüsselkraftsystem. Diesen ersten Erfolg gilt es nun durch weitere Verbesserungen auszubauen." Gefordert sei etwa die Ausweitung auf Bachelor-Absolventen. "Leute, die bei uns ausgebildet wurden, dürfen wir nicht wieder ziehen lassen", so die WKÖ-Generalsekretärin. Darüber hinaus sollte die Verfahrensdauer verkürzt werden und Behörden auch die Möglichkeit haben, Anträge digital zu bearbeiten. Zudem müsse die Rot-Weiß-Rot Karte noch gezielter beworben werden.

Bevölkerungsexperte Münz betonte, dass neben Strukturreformen vor allem auch "soft factors" wie die Verbesserung der Willkommenskultur notwendig sind. "Die Willkommenskultur beginnt schon beim Auftritt der österreichischen Vertretungsbehörden im Ausland und endet längst nicht damit, dass Zuwanderern in Österreich vor allem in den ersten sechs Monaten eine Orientierungshilfe geboten werden sollte." Zudem sollte es mehr Deutsch-Kurse in Herkunftsländern sowie eine zügige Anerkennung der im Herkunftsland erworbenen formellen Bildungsabschlüsse geben.

Einig waren sich Hochhauser und Münz abschließend, dass qualifizierte Zuwanderung nicht eine Bedrohung ist, sondern "eine Chance für mehr Wachstum und Wohlstand in Österreich." (SR)

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