So verhütet Österreich: Im europäischen Spitzenfeld, aber oft mit unzureichenden Methoden

Wien (OTS) - Integral und Gynmed stellen den ersten Österreichischen Verhütungsreport vor:

  • Neben der Wirksamkeit ist die Möglichkeit zu spontanem Sex bei der Auswahl am wichtigsten
  • In Wien und Salzburg wird am besten verhütet - Schlusslichter sind Vorarlberg und Burgenland
  • Verhütungsmittel auf Krankenschein würden zu deutlich weniger ungewollten Schwangerschaften führen
  • ÖsterreicherInnen wünschen sich -in allen Altersgruppen- mehr Aufklärung

Mehr als 1.000 Frauen und Männer im Alter von 16-49 Jahren wurden vom Marktforschungsinstitut Integral in einer für ganz Österreich repräsentativen Umfrage befragt. Darin zeigt sich, dass 77% der ÖsterreicherInnen in den letzten 12 Monaten verhütet haben. Am häufigsten in Wien (83%) und Salzburg (82%). Die meisten Verhütungsmuffel befinden sich im Burgenland, gefolgt von Vorarlberg und Tirol.

Verhütungsmuffel nennen als Gründe:

  • Kein Sex 39% (Gesamtanteil: 9%)
  • Unfruchtbarkeit 23% (Gesamtanteil: 5%)
  • Kinderwunsch 15% (Gesamtanteil: 3%)
  • gleichgeschlechtlicher Sex 4% (Gesamtanteil: 1%)

Für Gesundheitspsychologin Petra Schweiger gilt gerade die Gruppe, die "keinen Sex" angibt als besonders gefährdet ungewollt schwanger zu werden: "Auf Verhütung zu verzichten, weil man/frau derzeit in keiner intimen Beziehung lebt, ist nachvollziehbar. Allerdings ergibt sich Sexualität meist spontan. Das führt für diese Frauen und Männer zu einem besonders hohen Risiko, wie ich aus langjähriger beruflicher Praxis berichten kann."

Angewendete Verhütungsmethoden

Unter den wirksamen Methoden (Praktischer Pearl Index, PI 4-10) ist die Pille mit 54% der absolute Spitzenreiter, gefolgt von den sehr wirksamen Methoden (PI unter 4) Hormonspirale (9%) und 3-Monatsspritze (7%). Bei den mittelmäßig wirksamen Verhütungsmethoden (PI 10-20) führt das Kondom (58%). Mehr als ein Viertel der Befragten hat wenig wirksam verhütet: "aufgepasst" 11%, Tage gezählt 9% und Selbstbeobachtung angewendet 8%.

Was ist wichtig beim Verhüten?

Zwei Kriterien sind für die meisten Menschen am wichtigsten bei der Auswahl einer Verhütungsmethode: die Wirksamkeit (70%) und dass mit der Methode weiterhin spontaner Sex möglich ist, bzw. frau/man beim Sex nicht an Verhütung denken muss (69%).

Die Selbsteinschätzung der ÖsterreicherInnen Ein großer Teil der ÖsterreicherInnen wendet mittelmäßig oder wenig wirksame Methoden an, glaubt jedoch sehr gut oder gut geschützt zu sein.
Mehr als 2/3 halten das Kondom fälschlicherweise für eine hochwirksame Methode. Und auffallende 41% finden, dass "Aufpassen" und "Tage-zählen" sehr wirksam sei. "Hier offenbart sich ein großer Informationsbedarf und zwar in allen Altersgruppen" erklärt Gynmed-Leiter und Verhütungsexperte DDr. Christian Fiala.

Wer möchte die Methode wechseln?

Würden - so wie in fast allen westeuropäischen Ländern - die Kosten für Verhütungsmittel von der Krankenkasse bezahlt, würde jede/r zweite Befragte eine andere Methode wählen und zwar meist eine wirksamere. Z.B. würden 2/3 der Hochrisikogruppe der "Aufpasser" eine wirksamere - aber kostspieligere Methode wählen. Und von denjenigen, die derzeit gar nicht verhüten, würden sich 42% schützen. Hier wird deutlich, dass sich jüngere Menschen (16-20 Jahre) bzw. Frauen und Männer mit geringem Einkommen am intensivsten für einen Methodenwechsel interessieren (jeweils 56%).
Gynäkologe Fiala sieht hier eine große Chance, ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Er empfiehlt der Politik, wirksame Verhütungsmethoden - so wie es in Westeuropa überall Standard ist, über Krankenschein zugänglich zu machen. Bemerkenswert ist auch, dass 12% aller Männer und 9% aller Frauen sich bei einer Kostenübernahme durch die Sozialversicherung sterilisieren lassen würden.

Pilleneinnahme vergessen, Kondom abgerutscht 48% der Frauen berichten über Probleme bei der Pilleneinnahme. Diese sind unabhängig von der Sexualität und im Wesentlichen Probleme mit der täglichen Einnahme oder dem regelmäßigem Besorgen eines Rezeptes. Nur 4% aller Pillen-Anwenderinnen vertragen die Pille schlecht.Ein Drittel der Männer hatte Probleme mit Kondomen. Dies waren meist Probleme mit der Anwendung, die während dem Sex auftraten: geplatzt oder abgerutscht, Probleme beim Überrollen, Kondom zu klein und auch der Umstand, dass gerade keines zur Hand war.

Erfahrungen mit der "Pille danach"

Die "Pille danach" ist als Notfall-Verhütungsmittel seit 2010 in Österreich rezeptfrei. 19% aller Frauen haben sie nach einer Verhütungspanne schon einmal verwendet. In der Gruppe der 20-29-Jährigen sind es 29%.

Ungewollte Schwangerschaften

18% der heute 40-49-Jährigen Frauen gab an, dass sie schon ungewollte Schwangerschaften hatten. Mehr als jede Zweite (54%) hat sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden. Hier ist jedoch eine große Dunkelziffer zu berücksichtigen. Nach Schätzung von DDr. Christian Fiala ergibt sich daraus, dass jede 2.-4. Frau in ihrem Leben einen Schwangerschaftsabbruch hat.

Schwangerschaftsabbruch auf Krankenschein?

In fast allen westeuropäischen Ländern stellt ein Schwangerschaftsabbruch eine Sozialversicherungsleistung dar. Demgegenüber wurde dies in Österreich bisher politisch nicht ernsthaft diskutiert. Allerdings wünscht sich 40% der Bevölkerung auch in Österreich eine solche Regelung. Besonders stark ist dieser Wunsch in der relativ finanzschwachen Altersgruppe der 16-20-Jährigen: Hier wünscht sich jede/r Zweite (49%) eine Kostenübernahme.

Wegfall der Periode durch hormonelle Verhütung Mehr als jede zweite Frau (56%) fände es gut, wenn sie bei der Anwendung von wirksamen Verhütungsmitteln auch keine Periode mehr hätte. Dieser Wunsch nimmt mit dem Alter zu: Unter den 16-20-Jährigen sind es 47%, bei den 40-49-Jährigen bereits 65%. Mehr als 1/3 der Frauen (37%), hat aus diesem Grund schon hormonelle Verhütungsmittel durchgehend eingenommen.

Prävention: Weniger Sex ist auch keine Lösung

Die meisten sehen bessere Information und Aufklärung für alle Altersgruppen als wichtigste Maßnahme, um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Ferner sieht jede/r Zweite einen einfacheren Zugang zu Verhütungsmitteln (z.B. Abgabe der Pille ohne Rezept) als wichtigen Präventionsbeitrag. Lediglich 3% halten weniger Sex für eine gute Strategie zur Vermeidung ungewollter Schwangerschaften. Einzig 16% der Vorarlberger geben an, dass Keuschheit das beste Mittel gegen ungewollte Schwangerschaften sei.

Hilfreiche Datengrundlage

"Für die meisten ÖsterreicherInnen ist es selbstverständlich zu verhüten. Auffällig ist jedoch, dass die angewendeten Methoden vielfach nur mittelmäßig wirksam sind. Allerdings würden viele ÖsterreicherInnen auf effektivere Methoden umsteigen, wenn es dafür finanzielle Unterstützung durch die Kassen gäbe. Dieser Report bietet erstmals einen umfassenden und aussagekräftigen Einblick in einen zentralen Bereich des Lebens der ÖsterreicherInnen. Die hier gebotene Datengrundlage kann dabei auch sehr hilfreich für gesundheitspolitische Entscheidungen sein und wird auch seinen Platz in der Beratung finden" erklärt Mag. Martin Mayr, stellv. GF vom Marktforschungsinstitut Integral.

Der Österreichische Verhütungsreport kann als pdf und als Power Point Präsentation kostenlos heruntergeladen werden auf:
www.gynmed.at

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