TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 7. September 2012 von Wolfgang Sablating "Themenverfehlung. Setzen!"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Die heimische Bildungspolitik verschwendet zu viele Ressourcen für den Streit über Strukturen und Macht, statt in den wesentlichen inhaltlichen Fragen Lösungen vorzulegen. Internationale Studien belegen die Folgen dieser Politik.

Die Daten mögen bekannt oder ungenau sein. Alarmierend sind sie aber allemal. 15 Prozent der Erwachsenen - das ist rund eine Million Menschen - können nur unzureichend lesen, schreiben oder rechnen, schätzt das "Netzwerk Alphabetisierung". Und mehr als jeder vierte Jugendliche im Alter von 15 Jahren weist eine Leseschwäche auf, erinnert die EU an die PISA-Studie 2008/09. In der EU liegen nur Bulgarien und Rumänien mit Werten von jeweils um die 40 Prozent noch schlechter. Dass Luxemburg fast ähnlich schlechte Daten wie Österreich hat, ist auch nur ein geringer Trost. Viel schwerer wiegt, dass der EU-Durchschnitt der leseschwachen Jugendlichen bei "nur" etwa 20 Prozent liegt.
Die internationalen Studien, die am Donnerstag bekannt wurden, spiegeln naturgemäß Fehler der Vergangenheit. Reformen im Schul- und Bildungssystem brauchen nun einmal Jahre und Jahrzehnte, bis sie zu wirken beginnen.
Aber wie reagiert die Politik? Ja, die Leseförderung an den Schulen wurde schon verstärkt. Auch die positive Wirkung des verpflichtenden letzten Kindergartenjahres ist nicht zu unterschätzen. Ob wir das EU-Ziel von 15 Prozent lernschwachen Jugendlichen damit erreichen können, wissen wir aber erst in vielen Jahren.
Und selbst wenn - wir könnten uns auch dann nicht ausruhen. Finnland etwa lag schon 2008/09 doppelt so gut.
Dennoch gönnen wir uns noch immer den unerträglichen Luxus, viel Zeit und Energie in Diskussionen über Strukturen zu verschwenden. Es ist den Schülern völlig egal, wo die Zuständigkeit für die Lehrer liegt, bei den Ländern oder beim Bund. Den Kindern ist es auch herzlich egal, ob ihre Lehrerin an einer autonomen oder an einer weniger autonomen Pädagogischen Hochschule (oder Universität oder Fachhochschule) ausgebildet wurde. Die Qualität muss stimmen. Und ganz sicher wäre es ein großer Fortschritt, wenn es neben der Frau Lehrerin auch vermehrt den Herrn Lehrer gäbe.
Ebenso unabdingbar wäre, endlich das neue Dienstrecht für Lehrer zu beschließen, um Motivation und Voraussetzungen für eine zeitgemäße Schule zu schaffen.
Und irgendwann müssen sich SPÖ und ÖVP einmal verständigen, wie es mit der Schule der 10- bis 14-Jährigen weitergehen soll. Jede Entscheidung wäre besser als die Ungewissheit, die Verbesserungen und Weiterentwicklungen blockiert.
Themenverfehlung. Setzen, hieße da die Antwort in der Schule.

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