Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Gallische Dörfer"

Ausgabe vom 7.9.12

Wien (OTS) - Die Kärntner Freiheitlichen haben sich jüngst als "gallisches Dorf" im Kampf gegen den Euro-Schutzschirm charakterisiert. Weit gefehlt, es gibt mehrere solcher Dörfer - auch wenn das zum Vergleich gehörende römische Reich nicht existiert. Die CSU in Bayern wettert gegen die Entscheidung der Europäischen Zentralbank, im Ernstfall unbegrenzt Staatsanleihen von Schuldnerländern zu kaufen. Der Chef der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, stimmte im EZB-Rat dagegen - es wäre zu nah an der direkten Staatsfinanzierung. (Kurios. Vermutlich will er auch, dass sich Rettungsautos im Einsatz an Geschwindigkeitsbeschränkungen halten.)

Zurück zu den gallischen Dörfer. Das ist der Slogan der Nationalisten - er klingt sympathisch. Diese Nationalisten erklären die EU damit zur Hegemonialmacht, gegen die es Widerstand zu leisten gilt. Klingt gut, ist aber grottenfalsch. Wenn die Union eine solche wäre, hätte sie die Zores gar nicht, siehe USA: Die haben 16.000 Milliarden Dollar Schulden angehäuft, mehr als die EU. Regt das Finanzmärkte auf? Nein. Dahinter steht die Wirtschaftskraft der Vereinigten Staaten - und eine mächtige Zentralbank. Blickt jemand auf die Wirtschaftskraft von Europa? Ebenfalls nein, denn Europa wird als wilder Haufen wahrgenommen, der sich von einem faulen Kompromiss zum nächsten hangelt.

Die EZB setzt nun einen Meilenstein und tut das, was die Zentralbanken der USA und Großbritanniens (und auch Chinas) seit jeher tun: Sie lassen keinen Zweifel an der Verteidigung der eigenen Währung aufkommen. Warum wohl ist das britische Pfund nicht in den Schlagzeilen? Weil die Bank of England alles vom Markt wegkaufte.

Wenn der deutsche Bundesbanker Weidmann dagegen stimmt, spielt er nicht Häuptling Majestix im gallischen Dorf. Er erinnert mehr - um im Asterix-Vergleich zu bleiben - an den Barden Troubadix, der für seinen falschen Gesang ständig Prügel bezieht. Die Regierungschefs haben das schon geschnallt. Angela Merkel wird in Wien mit ihrem Kollegen Werner Faymann ein Bild größter Harmonie abgeben - weil beide ein gemeinsames Ziel haben: Die Eurozone voranbringen und einen Wirtschaftsrückgang vermeiden. Bisher wurde viel und ausschließlich über den Weg dorthin gestritten - ein Fehler, der viel Geld und Jobs kostete. Aber Politiker wollen ja gottlob wieder gewählt werden . . .

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