WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Silberstreif am Horizont der Eurokrise - von Wolfgang Tucek

Wenn die Länder es sozial aushalten, kann der Ausweg gelingen

Wien (OTS) - Eine hektischere Vorbereitungsdiplomatie als zu Beginn dieses Herbstes hat es schon lange nicht mehr gegeben, die Lage wirkt unübersichtlich: Deutschlands Bundeskanzlerin Merkel, Finanzminister Schäuble, Frankreichs Präsident Hollande, der griechische Premier Samaras sowie dessen Kollegen Monti aus Italien und Rajoy aus Spanien treffen einander laufend in wechselnden Konstellationen, um endlich eine vernünftige Linie für das Überleben der Eurozone zu finden. Und tatsächlich deutet sich ein zarter Silberstreif am Horizont der Krise an. Außer ein paar notorischen innenpolitischen Grabenkämpfern in Deutschland und Österreich spricht kaum noch ein Politiker öffentlich über einen Euroaustritt Griechenlands. Der soll unbedingt vermieden werden, das manifestiert sich auch in steigenden Anleihekursen. Trotz zäher Rezession in den Peripherieländern und wachsendem Unmut in der Bevölkerung, die unter massiver Arbeitslosigkeit und sinkenden Löhnen leidet, gibt es erste Erfolge der Spar- und Reformbemühungen. Die Krisenländer holen bei der Produktivität wieder auf, wie die sinkenden Lohnstückkosten zeigen. Das viel gescholtene Griechenland hat in den letzten zwei Jahren tief greifende Einsparungen im Gegenwert von 18 Prozent seiner Wirtschaftsleistung vorgenommen und damit so viel wie kein Euroland je zuvor. Eine Verlängerung des aktuellen Rettungsprogramms über gut 172 Milliarden Euro um zwei Jahre wird es zwar eher nicht geben. Eine Stundung der Rückzahlung von Schulden und Zinsen auf die Außenstände bei Euroschirmen und -ländern ist aber vorstellbar. Dieser neue "Schuldenschnitt light" verschaffte den Griechen Spielraum und belastete ihre horrenden Staatsschulden nicht.

Inzwischen könnte die EZB den Peripherieländern Spanien und Italien mit dem Aufkauf von kurzfristigen Staatsanleihen den Rücken freihalten, wie das EZB-Chef Draghi bereits angedeutet hat. Bei einer Laufzeit bis zu drei Jahren handle es sich nicht um eine Staatsfinanzierung, die laut Statut verboten ist. Und ganz kurzfristige Darlehen erhält sogar Griechenland am Finanzmarkt wieder zu etwas günstigeren Preisen. Dabei will die EZB keineswegs die virtuelle Notenpresse anwerfen. Gegen die Inflationsgefahr soll der Mitteleinsatz für die Spanier und Italiener der Geldmenge anderswo entnommen werden.

Natürlich können die Stützungskäufe die Reformen in den Staaten nicht ersetzen. Aber im Gegensatz zum verbreiteten öffentlichen Eindruck finden solche Reformen statt. Wenn die Länder es sozial aushalten, kann der Ausweg aus der Krise gelingen.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt Medien GmbH
Tel.: 0043160117-305
redaktion@wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001