"Die Presse" - Leitartikel: Das Glück des Konsumenten mit dem glücklichen Schwein, von Friederike Leibl

Ausgabe vom 05.09.2012

Wien (OTS) - Kaum ein Mythos wird so lustvoll zertrümmert wie der Biomythos: Es geht vordergründig um Inhaltsstoffe, aber eigentlich um unterschiedliche Lebensweisen.

Manche Themen rufen derart große Emotionen und ideologische Debatten hervor, dass man als Medium kaum daran vorbeigehen kann. Der (geplante) Kaiserschnitt gehört dazu, die Frauenquote - und die sogenannte Bio-Lüge, die in unregelmäßigen Abständen immer wieder aufs Neue entlarvt wird. Diesmal sind Forscher von der US-amerikanischen Universität Stanford mit einer Metastudie (also einer Studie, die auf der Analyse hunderter schon bestehender Studien basiert) zu der Erkenntnis gekommen, dass Biolebensmittel sich nur marginal von konventionellen Lebensmitteln unterscheiden:
zumindest, was deren Inhaltsstoffe, Schadstoffbelastung und die Gefahr durch natürliche Toxine betrifft.
Keine große Überraschung: Eine Biokarotte enthält nicht mehr Vitamine als eine konventionell erzeugte Karotte. Sie mag zwar deutlich weniger Pestizide enthalten (nur in sieben Prozent der Bioproben waren Rückstände nachweisbar), aber, so die Autoren der Studie, auch die Rückstände, die in 38 Prozent der konventionellen Konkurrenz gefunden wurden, lagen unter den gesetzlichen Grenzwerten. Und, glasklarer Schluss, seien daher nicht gesundheitsschädlich.
Wenn Sie zwei Karotten zur Auswahl haben, deren Schadstoffbelastung in beiden Fällen unter dem Grenzwert liegt, welche essen Sie lieber, die mit geringeren Rückständen oder die mit höheren? Und, Zusatzfrage: Was, wenn die eine teurer ist als die andere? Die Antwort hängt von Ihrem Lebensstil und Ihrer Lebensanschauung ab. Und genau darauf zielen die Schlüsse ab, die aus derartigen Studien gezogen werden. Die scheinbare moralische Überlegenheit jener, die sich besser, weil bio ernähren, soll mit wissenschaftlicher Untermauerung zertrümmert werden. Mit teils unverhohlener Häme, wie etwa in der "Süddeutschen Zeitung", die Biokunden mit "verliebten Menschen" vergleicht, die nur das "Bestmögliche von Biolebensmitteln erwarten". Und nun bitter enttäuscht sein müssten.
Was steckt eigentlich hinter der großen Lust, Bio als Geschäftemacherei zu entlarven? Zum einen das Sendungsbewusstsein, Menschen, die laut Umfragen gesundheitliche Gründe als Hauptmotivation für den Biokauf nennen, von ihrem (teuren) Irrtum zu überzeugen. Weil der gesundheitliche Nutzen streng genommen nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden kann. Auch, aber nicht nur, weil es nicht genug Untersuchungen von Menschen gibt, die sich unterschiedlich ernähren.
Eine weitere Angriffsfläche ist die überzogene Werbung für Bioprodukte, die grünere Wiesen, glückliche Tiere und ein besseres Leben schlechthin suggeriert. Nun haben es Marketing und Werbung an sich, ein Produkt besser aussehen zu lassen, als es ist. Stichwort Kosmetik. Retuschierte Schönheitsideale sorgen nicht einmal für ein Schulterzucken: Selbst schuld, wer's glaubt. Aber das glückliche Schwein aus der Werbung soll ein Symbol für die Lebenslüge schlechthin sein? Natürlich: Hier wird ein Bild verkauft, das eine Ursehnsucht - nach Ursprünglichkeit, Ehrlichkeit, Einfachheit -befriedigt. Dass sich ein Konsument von einem Produkt Glück verspricht, ist aber beileibe kein Spezifikum der Biobranche.

Was in der Studie nicht erwähnt wird, ist alles, was über bloße Inhaltsstoffe hinausgeht - Tierhaltung, kein Kunstdünger, Landschaftsschutz etwa, faire Arbeitsbedingungen und nachhaltige Produktion, die oftmals mit Bio einhergehen. Der Trend zu Bio hat der österreichischen Landwirtschaft auch nicht gerade geschadet: Sie hat mit ihrer frühen Konzentration auf eine Marktnische ein Alleinstellungsmerkmal ("Feinkostladen") erreicht, das allen Betroffenen nützt.
Essen ist per se mit großen Emotionen verknüpft - auf Bio zu setzen geht noch einen Schritt weiter. Ein Anspruch auf eine bessere Lebensweise, der naturgemäß zu Widerspruch reizt. Jemand, der Bio isst, ist nicht notgedrungen ein besserer Mensch. Aber er setzt sich zumindest mit seinem Tun auseinander. Wenn sich all das als große Lüge herausstellt, dann kostet ihn das vielleicht einiges Geld und lässt ihn keinen Tag lang länger leben, aber es schadet zumindest keinem anderen.

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