"DER STANDARD"-Kommentar: "Mehr Jobs sind nicht genug" von Andreas Schnauder

Der Arbeitsmarkt benötigt tiefgehende Reformen und mehr Ehrlichkeit (ET 04.09.2012)

Wien (OTS) - Es tut sich was am österreichischen Arbeitsmarkt. Ja, die
Arbeitslosigkeit steigt, was ganz eindeutig belegt, dass die Eurokrise vor wirtschaftlich robusteren Staaten nicht haltmacht. Aber: Die Beschäftigung nimmt ebenfalls zu, sie befindet sich sogar auf Rekordniveau. Die gegenläufigen Trends sind kein Widerspruch. Sie zeigen vielmehr, dass nur gewisse Qualifikationen und Lohnhöhen nachgefragt werden. Schlechte Ausbildung von Arbeitslosen und mäßige Mobilität verhindern, dass sie die offenen Stellen besetzen können.

Ein näherer Blick in die Arbeitslosenstatistik für den August gibt weder zu Panik noch zu Jubel Anlass. Die hohe Beschäftigung resultiert vor allem aus dem Zuzug von Osteuropäern, für die die Zugangshürden gefallen sind. Auch Frauen drängen verstärkt auf den Arbeitsmarkt. Beide Gruppen treffen in starkem Ausmaß auf offene Stellen, was zu einem Zuwachs von 54.000 aktiven Personen im Jahresvergleich führte. Das ist ein erfreuliches Zeichen, nicht nur für jeden einzelnen Betroffenen, sondern auch für die arg strapazierten Sozialkassen, allen voran die Pensionsversicherung. Und das hilft wiederum dem Budget, wird doch das riesige Finanzloch der öffentlichen Pensionskasse durch Staatsgelder gestopft.

Noch eine These wird von den neuen Daten gestützt. Die Beschäftigung Älterer ist weiter gestiegen, ohne dass sich deshalb die Jobchancen Jüngerer verschlechtert hätten. Dagegen wird ja oft der Mythos verbreitet, dass ein späterer Pensionsantritt zulasten der Neueintretenden am Arbeitsmarkt gehe. Das lässt sich weder anhand internationaler noch nationaler Beispiele belegen, sind doch bei neuen Jobs meist ganz andere Qualifikationen gefragt.

Problematischer wird hingegen die Situation für Ältere, wenn sie einmal ihren Job verloren haben. Das steinerne Senioritätsprinzip und hohe Kündigungsbarrieren verhindern eine Reintegration in den Arbeitsmarkt. Deshalb wäre es höchst an der Zeit, die Gehaltskurve abzuflachen - soll heißen: mehr Geld am Karrierebeginn und im Gegenzug weniger automatische Vorrückungen.

Unter dem Strich sollten die Arbeitsmarktdaten unaufgeregt, aber ernst rezipiert werden: Die Krise wird nicht spurlos an Österreich vorbeiziehen; gerade der Abbau von Leiharbeitern deutet auf Präventivmaßnahmen der Industrie hin. Arbeitszeitverkürzung, wie zuletzt von AMS-Chef Herbert Buchinger gefordert, wäre jetzt freilich ein fatales Signal. Die Lohnstückkosten sind seit 2008 wieder stärker gestiegen als im EU-Schnitt, ein weiterer Verlust an Wettbewerbsfähigkeit würde sich erst recht negativ auf die Beschäftigung auswirken.

Mit einem anderen Klischee sollte freilich auch langsam aufgeräumt werden. Die Goldmedaille, die wir uns mit niedrigster Arbeitslosigkeit in der EU gerne umhängen, hat Österreich nicht verdient. Überlange Studienzeiten und die "Entlastung" des Arbeitsmarktes durch die Frühpension sind Indikatoren dafür, dass die Statistik geschönt ist. Kürzere Dauer der Studien (in aussichtsreicheren Zweigen) würde nicht nur den Betrieben, sondern auch den Universitäten helfen. Längeres Erwerbsleben ist unabdingbar, will man drohende Leistungskürzungen oder Beitragserhöhungen vermeiden.

Die Arbeitslosigkeit würde deshalb mittelfristig wohl kaum steigen. In Sachen Ehrlichkeit aber wäre man einen großen Schritt weiter.

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