Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Börsen in der Sinnkrise"

Ausgabe vom 22. August 2012

Wien (OTS) - Es wurde verkauft als die Mutter aller Börsen-Einführungen, war aber in Wirklichkeit nur eine Abzocke der Altaktionäre. Facebook macht den neuen Aktionären wahrlich keine Freude, der Kurs hat sich praktisch halbiert. Dass Aktionäre wie der Investor Peter Thiel auch bei so tiefen Kursen noch ordentlich absahnen, liegt daran, dass sie vor dem Börsegang eingestiegen sind. Thiel hat dem Vernehmen nach 2004 um 500.000 Dollar etwa zehn Prozent des Facebook-Kapitals erhalten. Da sind die 400 Millionen, die er nun einsackte, auch noch ein schöner Gewinn.

Für die Zocker an der Börse ist Facebook auch eine Freude. Mittlerweile sind Optionsgeschäfte mit der Aktie erlaubt, und da deren Kurs strikt nach Süden zeigt, lässt sich auch mit fallenden Kursen ordentlich was verdienen.

Die Partie um Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, seine Investmentbank Morgan Stanley, die Altaktionäre und eben die Spekulanten machten Milliardengewinne. Der große Rest blutete. Für die Börsen als Vehikel zur Kapitalbeschaffung war der Facebook-Börsegang ein Desaster. Manche Technologie-Unternehmen, die deutlich mehr auf dem Kasten haben als ein "Gefällt mir", haben geplante Börsegänge bereits verschoben - andere überlegen noch.

Herr Zuckerberg und seine Berater haben dem Kapitalmarkt schweren Schaden zugefügt, allein dafür gehörten sie bestraft - die US-Wertpapieraufsicht ermittelt ohnehin schon.

Börsen haben fundamental eine einzige Aufgabe: Unternehmen die Expansion zu vertretbaren Kosten zu finanzieren, und das Risiko auf viele zu verteilen. Dafür erhalten die Aktionäre Dividenden und ein Mitspracherecht. Das ist ein fairer Deal und auch nicht schwer zu verstehen. Doch die meisten Börsen sind zu Zockerbuden verkommen. Die Beteiligung der Kleinaktionäre am Börsegeschehen sinkt seit Jahren - am Höhepunkt der Krise war sie bei Null.

Mit Beispielen wie Facebook und anderen Skandalen ist das kein Wunder. Bei der Wiener Börse hat das dazu geführt, dass schon geraume Zeit kein neues Unternehmen gelistet wurde (Ausnahme Staatsdruckerei). Wenn das so bleibt, kann die Börsegesellschaft eigentlich zusperren, denn für den bloßen Handel genügt ein Computer. Der Wirtschaft wird so allerdings kein guter Dienst erwiesen: Denn Geld von der Börse zu nehmen ist meist klüger als sich Finanzinvestoren anzulachen.

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
redaktion@wienerzeitung.at
www.wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001