"DER STANDARD"-Kommentar: "Grün war die Hoffnung" von Johanna Ruzicka

Beim Agrarsprit läuft derzeit viel schief - Die Ablehnung wird immer massiver (ET 21.08.2012)

Wien (OTS/Der Standard) - Wie sich die allgemeine Meinung zu einem Thema binnen kurzem drehen kann, ist erstaunlich und derzeit am Beispiel der geplanten Erhöhung der Biosprit-Beimischungen zu beobachten. Noch vor zwei, drei Jahren war Biosprit, den man übrigens von allem Anfang an korrekterweise Agrarsprit hätte nennen sollen, eine mehrheitlich begrüßte Neuerung.

Die EU nahm sich dabei an Brasilien ein Beispiel, wo schon seit Jahren aus Zuckerrohr immer dann Ethanol gemacht wird, wenn der Weltmarktpreis für Erdöl hoch ist. So wurden auch in Europa steigende Beimischungsverpflichtungen zu Benzin und Diesel vorgeschrieben, und fast alle waren zufrieden: Die Abhängigkeit von Importen bei fossilem Erdöl würde zurückgehen. Und die Treibhausgas-Bilanzen würden verbessert, weil Agrarsprit beim Verbrauch nur so viel Kohlendioxid entlässt, wie die Pflanze vorher beim Wachsen aufgenommen hat. Die Importe für Tierfutter aus Soja, das noch dazu meist gentechnisch verändert ist, gingen zurück. Statt Gentech-Soja werden Mais- und Getreidereste aus der Agrarsprit-Herstellung verfüttert.

Doch plötzlich zählen diese Gründe nicht mehr - oder werden verdeckt von viel schwerer wiegenden Gegenargumenten. Angesichts von einer Milliarde hungernder und unterernährter Menschen ist es ethisch unverantwortlich, wenn Getreide in den Tank statt auf den Teller wandert. Durch die vielen mögliche Nutzungen von Agrarpflanzen - als Lebensmittel, Tierfutter, Sprit, demnächst auch als Ersatz für Kunststoffe - entsteht naturgemäß eine Verknappung beim Angebot, und das treibt die Preise hinauf. Außerdem wird zu Recht kritisiert, dass für den Anbau von Agrarsprit die letzten Urwälder gerodet werden, was ein Klimadesaster ist. Mit dem ganzen Rundherum - Produktion und Transport - dürfte Agrarsprit ebenso klimaschädlich sein wie fossile Energien.

Was Befürworter und Gegner von Agrarsprit vergessen haben: Wenn der Kapitalismus etwas macht, dann macht er es gründlich. Das Geschäft lässt sich nicht auf ein bisschen Ethanol aus ein paar Maiskolben beschränken, so funktioniert unser Wirtschaftssystem nicht. Wenn etwas Gewinne verspricht, dann wird es konsequent durchgezogen, nur das rechtfertigt Investitionen.

Am Beispiel USA zeigt sich derzeit die ganze Macht eines relativ neuen Geschäftszweiges samt seinen Schattenseiten. 40 Prozent des US-Maises wandern bereits in den Tank. Wenn es da zu einer Dürre kommt wie jetzt, dann wird selbstverständlich das Angebot knapp, und zwar weltweit, weil die USA auch der weltgrößte Exporteur von Mais sind.

Österreich kann sich diesem Sog nicht entziehen, obwohl dies behauptet wird. Die Getreideimporte steigen nämlich - und dies ungefähr seit dem Zeitpunkt, seitdem in Österreich dem Sprit Ethanol beigemischt wird.

Die Diskussion darüber, wie auf den begrenzten guten Agrarflächen auf diesem Planeten die vielen Wünsche einer steigenden Weltbevölkerung gestillt werden können, wurde umfassend noch nicht geführt. Die boomende Agrarspritindustrie bekommt derzeit stellvertretend für andere Branchen ihre Fett ab. Besonders diskussionswürdig ist dabei die Rolle der Massentierhaltung und damit der Futtermittelhersteller. Massentierhaltung schädigt das Klima enorm. Und die Futtermittel für das Schnitzel oder Steak fehlen als Getreidemahlzeit auf den Tellern der Armen.

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