Alpacher Perspektiven 2012: Rifkin und Balcerowicz - kontroversielle Prognosen für die Welt 2040

Rifkin plädiert für eine "3. industrielle Revolution" - Früherer polnischer Vizepremier und Finanzminister Balcerowicz: "Wer Wachstum steigern will, braucht Reformen"

Alpbach (OTS/PWK543) - Der Wirtschaftswissenschafter und Bestseller-Autor Jeremy Rifkin, Vorsitzender der Stiftung für wirtschaftliche Trends in Washington, hielt bei den Alpbacher Perspektiven 2012 ein Plädoyer für eine "Dritte industrielle Revolution", die die Welt dringend brauche: "Die Weltökonomie ist nach wie vor auf fossilen Brennstoffen wie Erdöl aufgebaut. Diese Ära muss und wird zu Ende gehen. Denn diese Ressourcen sind teuer in der Förderung und bewirken mit dem Ausstoss von CO2 und Stickoxiden den Klimawandel", ist Rifkin überzeugt. Noch in diesem Jahrhundert sei eine Erderwärmung um drei Grad zu befürchten, was verheerende Folgen wie z.b. Überschwemmungen und Dürreperioden für das Ökosystem hätte. Das Überleben der Menscheit sei in Frage gestellt. "Deshalb brauchen wir eine neue ökonomische Vision. Gefragt ist eine Strategie, mit der man den fatalen Entwicklungen des Klimawandels gegensteuern kann und die auch noch rasch umgesetzt werden muss", so Rifkin.

So wie in der weltweiten Kommunikation ein Wandel - von zentralisierten Medien wie TV und Radio hin zu dezentralisierten (Personal) Computern und dem Internet - stattgefunden habe, müsste auch eine Revolution bei der Energieversorgung passieren. "Heute sind die Energiereserven der fossilen Rohstoffe auf wenige Regionen beschränkt. Sie müssen teuer gefördert, mit militärischer Macht gesichert und zentral verteilt werden. In Zukunft soll dagegen vermehrt Sonnen- und Windenergie genutzt werden. Unsere Häuser müssen zu 'Mini-Kraftwerken' umgebaut werden, die mit Sonnenpaneelen, Windrädern und Wärmepumpen grüne Energie erzeugen", meint der Wissenschafter. So wie die Großcomputer von PCs abgelöst wurden, würde sich der jetzige Status quo der Energieversorgung durch große Gesellschaften wandeln. Jeder Haushalt könnte sich selbst mit Energie versorgen und könnte überschüssige Energie auch für andere zur Verfügung stellen. Energie würde, so Rifkin, dann billiger werden und das Ideal der Erneuerbaren Energie wäre rascher verwirklicht als gedacht.

"Die Umstellung auf diese neue Infrastruktur ist sehr arbeitsintensiv, was viele zusätzliche Arbeitsplätze schafft", ist Rifkin überzeugt. Allerdings müssten fünf Pfeiler kombiniert zusammenwirken, damit das System der dritten industriellen Revolution funktioniert. "Erstens muss es sich um erneuerbare Energien handeln. Zweitens muss jeder mit einem Minikraftwerk einen Beitrag zur allgemeinen Versorgung leisten. Drittens müssen neue Systeme, mit denen man Strom in Wasserstoff speichern kann, weiterentwickelt werden. Viertens muss die Energie über ein dem Internet änliches System, genannt "Inter-Grid", weltweit verteilbar sein und fünftens muss der Verkehr mit Elektrofahrzeugen erfolgen", erklärt der Wirtschaftsexperte. Die Europäische Union müsse hier voranschreiten und ihre Forschung intensivieren.

"Wer das Wachstum steigern will, braucht Reformen", sagte Leszek Balcerowicz, Wirtschaftswissenschafter, liberaler Politiker und von 1989 bis 1991 Vizepremier und Finanzminister in den ersten nichtkommunistischen Regierungen in Polen, bei seinem Impulsreferat am Nachmittag des ersten Tages bei den Alpbacher Perspektivgesprächen 2012. Und: "Staatlicher Besitz kann mit Demokratie nicht einhergehen". Balcerowicz - er wurde vor allem auf Grund eines nach ihm benannten Plans bekannt, mit dem er die zentrale Planwirtschaft Polens radikal zur Marktwirtschaft umbaute - warnte vor Utopien und Utopisten wie Marx, Lenin oder Mao, die "sehr gefährlich" seien: "Wo die Macht geballt und hochkonzentriert ist, ist sie korrumpierbar -und zwar absolut", so Balcerowicz.

"Es gibt aber definitiv auch Vorhersagen, die nicht stimmen", rief Balcerowicz in Erinnerung. Und: Im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung sprach er von der "Tyrannei der Mehrheit", die heute vor allem in der Wisschenschaft anzutreffen sei. Er zeigte sich nicht überzeugt, dass die Veränderung des Weltklimas ausschließlich durch Menschen verursacht wird und sagte in diesem Zusammenhang: "Glauben Sie nicht alles, was gesagt und von vielen Menschen wiederholt wird." Zu glauben, dass durch Green Technology und alternative Produkte automatisch Jobs geschaffen würden, sei "naiv". Vielmehr gefährde und vernichte das auch oft bestehende Arbeitsplätze.

Die intensive Debatte über eine Klimaveränderung gehört für Balcerowicz zu den selbst gemachten, unnötigen Diskursen - weder die USA noch China seien zu Klimaschutzmaßnahmen bereit. Vielmehr führte er die derzeitige negative Einschätzung der Situation auf massiven Lobbyismus zurück.

Und Balcerowicz weiter: Die derzeitige Situation erfordere das Vorgeben von Zielen. Das unterbleibe jedoch von Seiten der Politik, so der frühere Politiker. Viele Probleme seien hausgemacht, meinte er und nannte als ein Beispiel in diesem Zusammenhang die Einführung von Bio-Treibstoffen; dafür sei aktuell der denkbar schlechteste Zeitpunkt.

"Mit besserer Politik haben Sie weniger Probleme", so Balcerowicz. Allerdings: "Gute Politik kann nicht aus Europa abgeleitet werden", das sei "Wunschdenken". Vielmehr könnten die Probleme unterschiedlichster Staaten nicht über einen Kamm geschoren werden und müssten individuell betrachtet und gelöst werden. (TB/JR)

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