WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Licht und Schatten des Strukturvertriebs - von Oliver Jaindl

Die Bäume können nicht in den Himmel wachsen

Wien (OTS) - Prinzipiell ist es nie schlecht, wenn Menschen in
ihrer Freizeit etwas Vernüftigeres machen, als Chips essend vor dem Fernseher zu sitzen oder bei einer Risikosportart Kopf und Kragen zu riskieren. Warum nicht etwas Sinnvolles machen und Geld verdienen? Das kann nie schlecht sein. Und genau hier haken Strukturvertriebe ein. Sie ermöglichen es, dass Menschen in ihrer Freizeit oder sogar hauptberuflich mit dem Verkauf von Waren Geld verdienen; etwa mit Plastikgeschirr (dieser bekannte Strukturvertrieb sei hier lobend erwähnt, weil man über ihn kaum Klagen hört) oder Putz- und anderen Haushaltsartikeln bis hin zu Finanzprodukten. Lyoness stellt hier mit einem "Rabatt-Strukturvertrieb" eine Ausnahme dar, da hier das ohnehin in Strukturvertrieben sehr komplexe System, wer wann wie viel verdient, noch zusätzlich durch mehrdimensionale Verdienst-Matrizen verkompliziert wird. Doch es sind die Details, die hier die eine oder andere kritische Zeile rechtfertigen - und die Kritik betrifft Strukturvertriebe allgemein und nicht einzelne Unternehmen.

Erstens: Strukturvertrieben ist - wie auch theatralisch inszenierte Massenversammlungen zeigen - eine gewisse Fanatisierung einiger Mitglieder eigen. Wie auch ein bekannter Aussteiger eines noch bekannteren Finanzstrukturvertriebs berichtet hat, kann diese Fanatisierung bis zu Repressalien führen, die "Abweichlern" entgegengebracht werden. Zweiter Kritikpunkt: zu hohe Komplexität. Die meisten Streitigkeiten bei Strukturvertrieben resultieren nicht daraus, dass Betrug dahintersteckt, sondern daraus, dass im Überschwang des Gesprächs bei der Anwerbung (mit deren Erfolg ja die Einkünfte des Anwerbenden steigen) einfach von den meisten Neo-Strukturvertrieblern nicht bedacht (oder von Anwerbenden verschleiert?) wird, dass die Rechnung nicht aufgeht, wenn nicht vom gerade Angeworbenen wiederum immer mehr Mitglieder angeworben werden. Das führt zu Kritikpunkt Nummer drei: Die Bäume können nicht in den Himmel wachsen bzw. "Geschäftsmodell Schneeball": Wenn Strukturvertriebe wirklich perfekt funktionieren würden, müsste jeder Erdenbürger bereits Mitglied eines Strukturvertriebs sein. Denn wenn man annimmt, dass etwa jedes neue Mitglied zehn weitere Mitglieder wirbt, dann müsste nach wenigen dieser Anwerbewellen jeder Bürger Mitglied sein. Und last but not least: Wenn die Strukturvertriebe schon dem Old Economy-Handel so überlegen sind, wie sie oft behaupten, warum sind sie dann heutzutage nicht Marktführer?

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