TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Montag, 13. August 2012, von Florian Madl: "Olympia muss sich selbst beschränken"

Innsbruck (OTS) - Die olympische Bewegung versucht verzweifelt,
den Ansprüchen von Sponsoren, Nationen und Verbänden gerecht zu werden. Die Sommerspiele stoßen an ihre Grenzen, schon 2016 droht in Rio ein undurchschaubares Mammutprogramm.

Die Bilanz der Olympischen Sommerspiele in London kann sich aus Sicht der Gastgeber durchaus sehen lassen: 16 Tage mit ausverkauften Sportstätten, stimmungsvollen Bewerben und keinen nennenswerten Skandalen - mehr durfte man nicht erwarten.
Mehr erwarten sich offensichtlich nur Sponsoren, Nationen und Verbände: mehr Fernsehzeit für Werbeeinschaltungen, gepaart mit mehr Raum für neue Sportarten. Schien es so, als sei bereits diesmal mit 302 Entscheidungen der Plafond erreicht, so wurden für die Spiele 2016 in Rio de Janeiro neuerlich Nischen geschaffen. Rugby und Golf wurden ins Programm aufgenommen, dabei müssten die Verantwortlichen doch eher auf Reduktion bedacht sein und Tradition in den Vordergrund stellen. Gerade die unerlässliche Aufteilung in Gewichtsklassen (u. a. Taekwondo, Ringen, Boxen) und Disziplinen (Schwimmen, Bahnrad) führte bereits zu einer Überfrachtung. Nur bei klar definierten Veranstaltungen, wie sie in der Leichtathletik zu finden sind, behält der Konsument den Überblick.
Das Internationale Olympische Komitee darf sich nicht länger dem Diktat seiner Sponsoren ausliefern. Einerseits wird in einem Anflug von Anachronismus Werbefreiheit gefordert, andererseits Exklusivität für IOC-Partner. Und dabei vergessen die Verantwortlichen, dass die Sportler vier Jahre lang von ihren eigenen Geldgebern begleitet wurden.
Auch die nationalen Anliegen drängen die olympische Bewegung ins Eck. Das IOC enthält sich krampfhaft politischer Statements und mutiert alleine dadurch zum Spielball der Mächtigen. Die Vergabe einer Sportgroßveranstaltung in Milliardendimension in die Hände honoriger Funktionäre im beruflichen Ruhestand zu legen, entspricht nicht den ökonomischen Anforderungen dieses Projekts. Vielmehr sollte diese Entscheidung ein Expertengremium vornehmen und dabei die politische Situation keinesfalls außer Acht lassen: Wo Wälder gerodet und Landstriche planiert werden (Sotschi 2014), wo die Bevölkerung zwangsenteignet wird und Gigantismus dominiert (Peking 2008), wo die Wirtschaft darniederliegt (Athen 2004), ist Zurückhaltung geboten. Der Sport soll die schönste Nebensache der Welt bleiben, er darf aber niemals von Regimen, Lobbyisten und Großunternehmen als Bühne missbraucht werden.
Lieber Selbstbeschränkung als Selbstdarstellung, muss das neue olympische Motto lauten.

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