US-Soziologe: "Religion und Modernität schließen sich nicht aus"

US-Religionssoziologe Casanova im "Kathpress"-Gespräch über religionssozilogische "Ausnahme Europa", Problem der Kirche mit religiösem Pluralismus, Piusbrüder und wahre Revolution des Konzils

Salzburg, 12.08.12 (KAP) Religion und Modernität schließen sich nicht aus - im Gegenteil: gerade die in einem Prozess rapider gesellschaftlicher Modernisierung befindlichen Gesellschaften in Amerika, Indien und China entdecken zugleich eine tiefe religiöse Seite. Das hat der spanisch-amerikanische Religionssoziologe Jose Casanova im "Kathpress"-Gespräch betont. In diesem Sinne müsse sich gerade "Europa als Ausnahme begreifen, wo Modernisierung stets mit Säkularisierung einhergegangen" sei.

Casanova: "Warum sind wir in Europa säkular? Nicht, weil wir so modern sind, sondern weil wir säkular werden wollten." In einem "säkularen gesellschaftlichen Rahmen" sei der Glaube nicht marginalisiert, sondern eine wichtige "Option", die ergriffen werden könne, ohne in vormoderne Strukturen zurückzufallen.

Casanova hält sich derzeit in Salzburg auf, wo er am 8. August von Erzbischof Alois Kothgasser mit dem mit 5.000 Euro dotierten "Theologischen Preis" der "Salzburger Hochschulwochen" ausgezeichnet worden ist. Casanova gilt als einer der renommiertesten Religionssoziologen, dessen Arbeiten vor allem um die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Moderne kreisen. International ist Casanova laut Joas insbesondere durch sein in fünf Sprachen übersetztes Werk "Public Religions in the Modern World" (1994) bekanntgeworden. Casanova lehrt an der "Georgetown University" in Washington, studiert hat er u. a. Theologie in Innsbruck.

Im Vergleich zur sozio-religiösen Situation in den USA stellte Casanova fest, dass Europa bzw. die Religionen in Europa weiterhin unter dem historischen Ballast des Staatskirchentums und der heterogenen monoreligiösen Situation leiden, die erst langsam unter dem Druck der Migrationsbewegungen aufbreche: "Das Problem in Europa ist die Überinstitutionalisierung mit ekklesiastischen Institutionen", so der Soziologe. Lehren könne der Blick auf die USA in dieser Situation, dass "der Weg von einer homogen-konfessionellen Situation zu einer homogen-säkularen Gesellschaft nicht unausweichlich ist", sondern es auch einen dritten Weg in Form einer "pluralistischen Option für viele Religionen und Säkularität gleichermaßen" gibt.

Plädoyer für innerkirchlichen Pluralismus

Vehement plädiert Casanova daher für einen stärkeren innerkirchlichen Pluralismus in Europa. Dies entspreche auch dem theologischen Selbstverständnis: Denn Kirche sei "nur dann wirklich katholisch im Sinne von universell, wenn sie es schafft, alle Positionen zu integrieren". Dies bedeute nicht notwendigerweise einen Relativismus. "Die religionspluralsten Gesellschaften sind alles andere als moralisch relativistisch", so Casanova gegenüber "Kathpress" mit Verweis auf die USA und Indien.

Erleichtern könne der katholischen Kirche ihr Weg zur Anerkennung religiöser Pluralität und auch der Pluralität der Wahrheitsansprüche ein Blick in die Geschichte, so der Soziologe weiter. So habe sich in der sogenannten "Achsenzeit" (800-200 v. Chr.) ein wesentlicher Entwicklungsschritt in der Menschheitsgeschichte vollzogen, insofern erstmals Modelle eines moralischen Universalismus und der Transzendenz aufkamen - hervorgebracht durch die Propheten im Alten Testament ebenso wie durch Konfuzius, Sokrates und Buddha. Dies bedeute jedoch zugleich die Absage an jeden Monopolanspruch. Große Hoffnungen setzt Casanova in dieser Situation auf das Konzilsgedenken.

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