Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 9. August 2012. Von NINA WERLBERGER. "Atypische Jobs bleiben typisch Frau".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Der Boom bei Teilzeitarbeit manövriert immer mehr Frauen ins Karriere-Eck, am Ende drohen Pensionslücke und Altersarmut. Staat, Wirtschaft und Gesellschaft dürfen sich diese Fehlentwicklung nicht länger leisten.

Tiefe Gräben des Geschlechterkampfes klaffen weiterhin in der Arbeitswelt: Fast jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit, Tendenz steigend, während es bei Männern dieses Phänomen de facto nicht gibt. Was an den Zahlen besonders erstaunt, ist, dass sogar bei den Berufseinsteigern zwischen 20 und 24 Jahren deutlich weniger Frauen eine fixe Ganztagsstelle haben als Männer. Es wird also schon häufiger atypisch gearbeitet, noch bevor das erste Kind geboren wird, was im Schnitt mit 28,5 Jahren passiert. Und dabei geht die Schere inklusive Lohneinbußen für Frauen ab 30 Jahren erst richtig auf. Experten, Ökonomen und Politiker warnen daher zu Recht vor der "Teilzeitfalle". Die vermeintlich ideale Lösung, Job und Familie per Halbtagsjob unter einen Hut zu bringen, erweist sich für sehr viele Frauen als finanzieller Boomerang mit der Lizenz zum Karriere-Töten. Nicht nur, dass Frauen noch immer deutlich weniger verdienen als Männer (Stichwort Einkommensschere). Halber Teilzeitlohn bedeutet auch deutlich weniger Pension. Gerade Frauen sind zunehmend von Altersarmut bedroht. Eine längerfristige Teilzeitbeschäftigung macht es Frauen zudem schwieriger, sich beruflich weiterzuentwickeln. Während Männer in ihren so genannten besten Jahren Karriere- und Gagensprünge absolvieren, verharren Frauen meist bei ihrem unverändert reduzierten 20-Stunden-Lohn. Der weibliche "Zuverdienst" manifestiert sich, eine eigenständige Entwicklung wird noch schwieriger. Apropos Eigenständigkeit: Vielfach nicht einkalkuliert ist in das Leben mit atypischer Beschäftigung auch ein potenzielles Scheitern jener Beziehung, von der sich Frau finanziell abhängig gemacht hat. Studien haben jedenfalls gezeigt, dass Frauen es sich oft nicht wünschen, Teilzeit zu arbeiten - häufig haben sie schlicht keine andere Wahl. Fast jede Zweite gibt an, dies wegen der Kinderbetreuungspflichten zu tun. Und betreuende Männer bleiben eine Ausnahmeerscheinung.
Die Politik ist dringend gefordert, Wege aus der Teilzeitfalle zu suchen. Viel mehr Kinderbetreuungsplätze und eine moderne Familienfinanzierung sind die grundlegende Voraussetzung dafür, um überhaupt von der angeblichen "Wahlfreiheit" für Familien sprechen zu können. Erst dann kann Teilzeit als vorübergehende Job-Variante sinnvoll sein, ohne zum Dauerzustand zu mutieren. Denn klar ist, Wirtschaft und Staat werden es sich schon wegen des Fachkräftemangels und des Pensionslochs nicht mehr leisten können, auf das volle Potenzial der halben Bevölkerung zu verzichten.

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