Ein empirischer Zugang zur neuen Matura

Reaktion auf den Artikel "Die Angst vor der 'Copy-paste'-Teilmatura" (Der Standard, 04.08.2012)

Wien (OTS) - BM Karlheinz Töchterle hat im Standard vom 4. August 2012 in der Rubrik "Kommentar der Anderen" unter dem Titel "Die Angst vor der 'Copy-paste'-Teilmatura" Bereiche angesprochen, die auch das Bundesinstitut für Bildungsforschung (BIFIE) betreffen.

Das BIFIE bereitet unter anderem die Reife- und Diplomprüfung für den Unterrichtsgegenstand "Deutsch" vor: Eine Gruppe von Germanistinnen und Germanisten an vier Universitäten im deutschsprachigen Raum und Lehrenden an höheren Schulen hat unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Werner Wintersteiner Rahmenbedingungen für die Erstellung und Beurteilung von Maturaaufgaben entwickelt. Wichtig dabei ist, dass von den Kandidatinnen und Kandidaten gerade durch dieses Konzept erstmals präzise definierte Schreibhandlungen gefordert werden und der Textsortenkanon gegenüber bisherigen Gepflogenheiten deutlich erweitert wurde. Durch einen genauen Kriterienraster, der drei Kompetenzbereiche umfasst, ist nun endlich die der Klausur im Fach "Deutsch" oft unterstellte Willkür bei der Beurteilung weggefallen. Gleichzeitig wird das Augenmerk der korrigierenden Lehrer/innen durch diese Art der Beurteilung auf die vorhandene Substanz des produzierten Texts gelegt und es stehen nicht zuallererst dessen Defizite im Vordergrund.

Töchterles Anspruch, dass "gelingende Kommunikation nicht unter miserabler Orthographie und syntaktisch nicht plausibler Zeichensetzung leidet", wird vollinhaltlich erfüllt, ja sogar erweitert: Die "normative Sprachrichtigkeit" der erstellten Texte ist gemeinsam mit "Stil und Ausdruck" ein entscheidendes Kriterium der Deutschklausur. Liegt diese Kompetenz - bei noch so guten Inhalten und noch so gelungenen Textstrukturen - nicht vor, kann die gesamte Klausurarbeit nicht positiv beurteilt werden. Die im Artikel zitierte "aktive Textkompetenz" ist wohl mit "Schreibkompetenz" gleichzusetzen und wird in mehrere Teilkompetenzen gegliedert. Formulierungs- und Ausdruckskompetenz stellen dabei nur Teilaspekte dar, so wichtig diese auch sein mögen. Durch den vorgelegten Textsortenkatalog wird nachdrücklicher als bisher sichergestellt, dass auch andere, für die Textproduktion zentrale Kompetenzen erworben und überprüft werden:
Jede Textsorte setzt ja eigene Schreibhaltungen und Adressatenbezüge voraus, für die von den Schreibenden wiederum jeweils andere sprachliche Gestaltungsoptionen zu wählen sind.

Die von Töchterle angesprochenen "Bedingtheiten normativer Corpusgrammatiken" sind in diesem Kontext schwer interpretierbar. Wenn dies bedeutet, dass Sprachwandel und Soziolekte wie z. B. Jargon der Jugendsprache in die Texte der Matura einfließen dürfen, so sei dazu Folgendes gesagt: Sprachwandel ist kein Phänomen der jüngsten Zeit, sondern - ganz im Gegenteil - Bestandteil jeglicher Sprachentwicklung. Daraus abzuleiten, dass im Rahmen der Reife- und Diplomprüfung fehlerhafte Morphologie und Syntax akzeptiert werden, ist unzulässig und durch die vorliegenden Fakten nicht begründbar. Soziolinguistische Phänomene, die etwa die Wortwahl betreffen, sind ebenso Teil der Sprache und letztlich auch Teil der Textsortencharakteristik (sowohl im Wort wie auch in der Schrift) und werden durch den Bewertungsraster jedenfalls unter "Stil und Ausdruck" einer Beurteilungsnorm durch die korrigierenden Lehrkräfte unterworfen, was auch bereits jetzt gängige Praxis ist.

Zum Thema "Prestigeverlust solcher Textemittenten" ist zu bemerken, dass Sprache und Sprachrichtigkeit soziologisch gesehen auch das Merkmal einer fachlich meist nicht begründeten Selektivität aufweisen, Urteile über Menschen, die orthographisch nicht immer korrekt schreiben, oft sehr oberflächlich ausfallen und andere Fähigkeiten dabei deutlich unterschätzt werden. Diese formale Schwäche kann sehr rasch auch als Legitimation gelten, die Leistungen von Migrantinnen und Migranten abzuwerten und deren Qualifikationen nicht anzuerkennen.

Kommen wir schließlich noch zur "Testtheorie und Psychometrie, die in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt" wurden. Der wissenschaftliche Beirat des BIFIE, in dem anerkannte Bildungsforscher wie Helmut Fend, Eckhart Klieme und österreichische Fachdidaktiker/innen wirken, hat die Entwicklung der standardisierten kompetenzorientierten Reife- und Diplomprüfung durchaus distanziert begleitet. Diskutiert wurde, in welcher Form Elemente aus Psychometrie und Testpsychologie ihren Platz in einem Projekt haben, das im Kern fachdidaktisch angelegt ist und das - ähnlich den Entwicklungen in den deutschen Bundesländern - die Möglichkeit schafft, dass erfahrene Lehrende am BIFIE Items und Aufgaben vorbereiten, die vor allem curricularen und fachdidaktischen Kriterien entsprechen. Man konnte zeigen, dass beispielsweise die Feldtestung von Aufgaben im Hinblick auf Verständlichkeit, Schwierigkeitsgrad etc. für eine schriftliche Abschlussprüfung große Vorteile bringt. Gleichzeitig folgt die für jede Kandidatin/jeden Kandidaten individuell wichtige Prüfung aber eben nicht den Kriterien einer "Standardtestung", bei der nur statistisch signifikante Aussagen zählen, nicht aber individuelle Beurteilungen.

Daher ist nun die Fachdidaktik wieder in den Vordergrund gerückt worden, die "signifikanten Kompetenzniveaus" allein sind nicht so wichtig wie eine Aufgabe, die interessante Sachverhalte anspricht oder über die sogar, unter Nutzung eines freien Antwortformats, fachlich diskutiert werden kann. Damit verbleiben im Projekt Reife-und Diplomprüfung die wesentlichen Instrumente der Testpsychologie in Anwendung: Testpsychologisch geschulte Aufgabenersteller/innen, Feldtestungen und ein "Expertenreview" vor der Freigabe der Aufgaben, durch den die Lehrplankohärenz der Aufgaben noch einmal überprüft und bestätigt wird, stellen sicher, dass deutlich verständlichere Aufgaben als bisher entwickelt und größere Bandbreiten einfacherer und anspruchsvoller Aufgaben zu Klausuren zusammengestellt werden können.

Bei diesen Methoden spielt die Empirie eine wesentliche Rolle:
Feldtestungen führen ein Element des Justierens in die Aufgabenentwicklung ein: Wer infolge entsprechender Testergebnisse weiß, dass neu erstellte, eventuell auch sehr anspruchsvolle Aufgaben gut verstanden werden, kann bei heiklen Materien langsam das Niveau steigern, ist aber durch empirisch gesicherte Testergebnisse immer im grünen Bereich einer hohen Verständlichkeit und angemessenen Lösungswahrscheinlichkeit. In der Mathematik bietet sich hier etwa "Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung" als einer jener Teilbereiche an, die niveaumäßig im Laufe einiger Jahre angehoben werden könnten.

Die empirische Herangehensweise kann, so man sie richtig nutzt, eine neue Dynamik in Unterricht und Prüfungsgeschehen der letzten Jahre der Oberstufe bringen, eine Entwicklung, die aus dem Blickwinkel des Ausgangspunkts des Projekts - der Schaffung normierender Standards - durchaus überraschend wirken kann. Genau deshalb sollte man diesen neuen Weg verfolgen.

Christian Dorninger
Susanne Reif-Breitwieser
Stefan Terler

Bundesinstitut BIFIE

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Mag. Stefan Terler
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