Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Beten für Kärnten"

Ausgabe vom 31. Juli 2012

Wien (OTS) - Ob Scherz oder Entsetzen, sei vorerst einerlei, aber die Gebetsliga für die Seligsprechung Jörg Haiders zeigt eine grundsätzliche Möglichkeit: Kärnten helfen wohl tatsächlich nur noch Gebete. Die Scheuch-Idee, Kärntner Landtagswahlen vorzuverlegen, wenn auch die Nationalratswahl vorverlegt wird, ist an Hirnrissigkeit und Unverschämtheit kaum zu überbieten.

Wenn das Führungspersonal eines Bundeslandes so ausschaut, kann Beten auf gar keinen Fall schaden. Das gilt auch für Landeshauptmann Dörfler. Er wird am Sonntag nach London reisen, um dort an einem "Österreich-Tag" (inklusive Gala-Abend) der Wirtschaftskammer anlässlich der Olympischen Spiele teilzunehmen. Mit einer Wirtschaftsdelegation, wie es heißt. Nun, nach Auskunft des Londoner Wirtschaftsdelegierten wird an der Veranstaltung 1 (in Worten: ein) Kärntner Unternehmen teilnehmen.

Vielleicht sollten den Gebeten auch Fürbitten beigestellt werden. Das Entzünden von Kerzen für das südlichste Bundesland wird angesichts dieser unverminderten Unverschämtheit wohl auch nicht schaden.

Darum bringt es nichts, allzu forsch den Zusammenbruch des "Systems Haider" zu zelebrieren. Es rückt den verunglückten Politiker in den Mittelpunkt und verstellt den Blick auf die aktuell agierenden Personen der Freiheitlichen.

Bei denen stellt sich die Frage, wie realitätsnah sie noch agieren. Das "supersauber"-Image sind sie mit und ohne Gerichtsurteil los. Und dass FPÖ-Obmann Strache bisher mit seinen freiheitlichen Partnern in Kärnten so behutsam umgeht, wirft auch auf ihn kein gutes Licht -Urlaub hin oder her.

Insgesamt muss mittlerweile wohl attestiert werden, dass die Freiheitlichen als Protest-Alternative für rot-schwarze Wutbürger endgültig ausfallen.

Allerdings muss auch die Volkspartei endlich zu klaren Worten finden. Der steirische VP-Klubobmann Drexler fand diese Worte: Er wolle nicht mit dieser "elenden Bagage" in einen Topf geworfen werden. Ähnliches wollen viele Bürger wohl von der jetzigen Bundes-Führung der Volkspartei auch hören, selbst wenn sich die Partei hart tut, die Schüssel-Jahre kritisch zu beurteilen. Doch was in Kärnten nun offenbar wird, war 2000 bis 2006 politischer Stil in der Republik. Es wäre daher auch angebracht, für Österreich ein Gebet zu sprechen...

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