Frühpensionen: "Die Presse" zeigt Interesse an Richtigkeit

Wien (OTS) - In den letzten Wochen habe ich mich mehrmals konfrontativ gegen "Klatsch" und "Bullshit" im Zusammenhang mit Medien-Berichten über angebliche Privilegien der Wiener Gemeindebediensteten zu Wort gemeldet. So wurden etwa über die Frühpensionierungen der Wiener Beamten Aussagen getätigt, die inhaltlich unhaltbar, für die allermeisten Betroffenen kränkend und verkaufsfördernd skandalisierend waren.

In der heutigen Ausgabe der Tageszeitung "Die Presse" berichtet Herr Karl Ettinger über die Vergleichbarkeit von Bundesbediensteten und Wiener Gemeindebediensteten. Dabei ist eindeutig erkennbar, dass er an einem Verstehen der Unterschiede interessiert ist. Dieses echte Interesse an der Richtigkeit der Darstellung macht den Unterschied zu einer Bullshit-Einstellung aus, wo man eben nicht an der Richtigkeit, sondern an der Erhöhung der Verkaufszahlen der Zeitung oder der Vermehrung von Stimmen bei Wahlen interessiert ist.

Für dieses Interesse möchte ich an dieser Stelle Herrn Ettinger meine Anerkennung und meinen Dank aussprechen.

Da es an dieser Stelle aber um das Bemühen um Richtigkeit geht, möchte ich einige Anmerkungen anschließen, die meiner Meinung nach trotzdem noch nicht wirklich passend gegenübergestellt werden:

Das Anführen der Gesamtzahl der Bediensteten in Bund und Gemeinde Wien lässt keinen genauen Vergleich zu, da in dieser Zahl die Vertragsbediensteten enthalten sind und darüber wiederum keine Durchschnittszahlen betreffend der Frühpensionierungen existieren. Die normalerweise gegenüber gestellten Zahlen der Frühpensionierungen beziehen sich auf pragmatisierte Beamte, für die Bund und Gemeinde Wien Pensionsleistungen zu tragen haben.

Bis Mitte der 80er-Jahre wurden in Wien Berufsgruppen pragmatisert, die in belastenden Bereichen beschäftigt wurden und für die sich die Gemeinde keine adäquate Besoldung leisten konnte. Für diese künstliche "Aufblähung" des Pragmatisierungsanteils liegen aber leider keinerlei Zahlen vor, womit ein Vergleich zwischen Bund und Gemeinde Wien sehr schwierig ist.

Wenn also Gemeinde Wien und Bund hinsichtlich der Anteile an belastenden Berufen im Zusammenhang mit den Frühpensionierungen verglichen wird, dann muss man bei den Beamten bleiben und dabei dann die Berufsgruppen mit besonderen Belastungen vergleichen. Der Rechnungshof hat in seiner Erhebung in Wien ca. 26.000 Beamte gezählt und hat rund 6.000 davon den Verwaltungstätigkeiten zugeordnet. Damit wäre - entgegen der Berechnung des Presse-Redakteurs - doch der Anteil an "Nicht-Verwaltungspersonal" in Wien deutlich höher.

Herr Ettinger verweist in seinem Beitrag beispielsweise auch auf den großen Anteil an pädagogischem Personal im Bund und erwähnt den Bildungsbereich der Gemeinde Wien - entsprechend den Auskünften aus Ministerium und Stadtratsbüro. Bei dieser Gegenüberstellung bleibt aber unterbelichtet, dass in dem einen Bereich überwiegend Akademiker/innen junge Menschen unterrichten - was bestimmt ein sehr schwieriger Job ist, im anderen Bereich die Kolleg/innen aber mit Kleinkindern arbeiten. Das heißt z. B., dass Kindergärtner/innen über Jahrzehnte unter Lärmbelastungen arbeiten, die in Betrieben zum Einschreiten des Arbeitsinspektorats führen würde - was übrigens arbeitsmedizinisch bestens dokumentiert und praktisch nur durch viel kleinere Gruppen verbesserbar wäre. Zusätzlich ist durch das Arbeiten auf "Augenhöhe" mit den kleinen Menschen eine Belastung der Wirbelsäule verbunden, die bei sehr vielen Kolleg/innen zu einem frühzeitigen Ausscheiden aus dem Beruf führt.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal klarstellen, dass wir über viele dieser Unterschiede zu wenig Informationen haben und deshalb all diese Vergleiche nur Annäherungen an "die Richtigkeit" sind. Ich möchte auch keiner Berufsgruppe im Bund oder in der Privatwirtschaft Belastungen oder Engagement absprechen. Bevor aber eine Neid- und Privilegiendebatte geschürt wird, sollte man bessere Daten erarbeiten.

Andererseits sind machbare Verbesserungen für eine gesündere Arbeitswelt, wie z.B. kleinere Gruppen in Kindergärten, alternsgerechte Arbeitsplätze in der Pflege, ein professionelles Betriebliches Eingliederungsmanagement, oder gute Bildungsangebote für Umstiegsmöglichkeiten von Beschäftigten in Schwerarbeitsjobs endlich umzusetzen - was natürlich nicht nur für Pragmatisierte gilt, sondern selbstverständlich für alle Arbeitnehmer/innen.

Dies würde natürlich Kosten verursachen - langfristig rechnet sich dies aber auf alle Fälle. Hier sollten Bürgermeister Häupl und Stadträtin Frauenberger ansetzen und nicht bei einer entbehrlichen Kritik an den Amtsärzt/innen der Gemeinde Wien, die auch einen guten Job machen.

Rückfragen & Kontakt:

Kurt Obermülner, MAS (Mediation)
Vorsitzender
Fraktion Christlicher Gewerkschafter
in der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, Kunst, Medien, Sport, freie Berufe - Wien
1090 Wien, Maria Theresien Strasse 11
Homepage: www.fcg-gdg-kmsfb.at
Tel.: (01) 31316-83682, Handy: 06767068511

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NEF0004