TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 23. Juli 2012 von Floo Weißmann "Das Land der Waffennarren"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Auch nach dem Blutbad von Denver wird es
in den USA keine Debatte über strengere Waffengesetze geben.
Dafür sorgen unter anderem die Waffenlobby, das Wahljahr und die konservativen Höchstrichter.

Nach jeder Aufsehen erregenden Bluttat in den USA beginnt in Europa erneut die Debatte über die ame-
rikanischen Waffengesetze - zuletzt angesichts des zwölffachen Mordes während der Batman-Filmvorführung in Denver. Europa starrt entsetzt und empört auf das Land der Waffennarren, verurteilt und erteilt Ratschläge. Aber dort, wo die Debatte stattfinden müsste, nämlich in den USA, wird auch diesmal nichts dergleichen passieren.
Zwar gibt es in den USA Organisationen, Politiker und Medien, die für die Verschärfung der Waffengesetze eintreten, und laut Umfragen stimmt ihnen sogar die Hälfte der Bevölkerung zu. Aber vor allem im konservativen und im ländlichen Amerika gilt die Schusswaffe traditionell als Ausdruck persönlicher Freiheit. Sie ist fester Bestandteil der Kultur, unterfüttert durch die Waffenindustrie, die mächtige Waffenlobby, zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen, die den Waffenträger zum Helden stilisieren, und durch einen verbreiteten Hang zur Paranoia. Da helfen auch Studien nichts, die einen Zusammenhang herstellen zwischen der Verbreitung von Schusswaffen und der Zahl der Opfer. Die Waffenlobby dreht den Spieß propagandistisch um: Attentäter wie jener von Denver könnten gestoppt werden, hätten die Menschen nur Waffen dabei.
In vielen Wahlbezirken wäre Kritik an zu vielen Schusswaffen in privater Hand politischer Selbstmord. Präsident Barack Obama muss ohnehin fürchten, bei der Wahl im November sein Amt zu verlieren. Er wird sich hüten, der aufgeputschten Rechten eine weitere Angriffsfläche zu liefern. Im Vorjahr hat allein das (frei erfundene) Gerücht, Obama werde den Zugang zu Schusswaffen erschweren, den Waffenhändlern einen Boom beschert. Der Trend: Immer weniger Amerikaner besitzen immer mehr Schusswaffen.
Auch die US-Höchstrichter stehen einer strengeren Waffenkontrolle im Weg. 2008 kippte der Supreme Court ein Waffenverbot der Hauptstadt Washington als verfassungswidrig. Er entschied damit den alten Streit um die Auslegung des unklar formulierten zweiten Verfassungszusatzes, aus dem die Waffenlobby das Recht auf Waffenbesitz ableitet. Man könnte die Passage bei gutem Willen auch anders verstehen, aber die konservative Mehrheit am Höchstgericht hatte diesen Willen nicht. Seitdem führen Amerikas Kommunen im Bemühen um Waffenkontrolle ein Rückzugsgefecht.
Die Zeichen stehen also günstig für die amerikanische Waffenszene, und daran werden weder die Bluttat von Denver noch die Empörung der Europäer etwas ändern können.

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