TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Donnerstag, 19. Juli 2012, von Anita Heubacher: "Ohne Sonderklasse droht der Kollaps"

Innsbruck (OTS) - Drei Kliniken werden gesetzlich verpflichtet, Wartelisten zu führen. Damit soll gewährleistet sein, dass jeder Patient weiß, wie lange er auf eine OP warten muss - ob er dabei von Sonderklassepatienten überrundet wird, bleibt offen.

Als bekannt wurde, dass Sonderklassepatienten auf Wartelisten vorgereiht werden und daher schneller zu einem OP-Termin kommen, war die Aufregung groß. Der Umgang mit den Wartelisten ist ein Beispiel dafür, dass es auch in der Medizin Gleiche und Gleichere gibt. Inoffiziell weiß man das, offiziell wird die Existenz der Zweiklassenmedizin stets verneint.
Die Aufregung hat sich auch in dem nun vorliegenden Entwurf zur Novelle des Tiroler Krankenanstaltengesetzes niedergeschlagen. Darin werden drei Kliniken verpflichtet, transparente Wartelisten zu führen. Das trifft auf die Augenklinik, die Neurochirurgie und die Orthopädie zu, weil dort die Wartezeiten länger als vier Wochen sind. Damit wird das Recht des Patienten verbrieft, dass er jederzeit abfragen kann, wie lange er noch auf seine OP warten muss. Ob er dabei von einem Sonderklassepatienten überrundet wird, kann nicht ausgeschlossen werden.
Ursprünglich angedacht war, für alle Kliniken dieses transparente Wartelistensystem einzuführen. Allerdings hätte man dann vermutlich das Kind mit dem Bad ausgeschüttet. Das goldene Kind ist in dem Fall der Sonderklassepatient, der an private Kliniken abwandern könnte. Er ist Beispiel dafür, dass es natürlich eine Zweiklassenmedizin gibt. Offiziell bekommt der Sonderklassepatient für seine Zusatzversicherung lediglich ein besseres Zimmer und eine bessere Verpflegung. Niemand wird ernsthaft glauben, dass Sonderklassepatienten nur für die Hotelkomponente bereit sind, monatlich einen erheblichen Beitrag für ihre Zusatzversicherung einzubezahlen.
Tatsache ist, dass das österreichische Gesundheitswesen auf völlig neue Beine gestellt werden müsste, wollte man die Sonderbehandlung der Sonderklassepatienten abstellen. Ohne Privatgeld könnten Spitäler wirtschaftlich nicht überleben und wären viele Ärzteposten nicht lukrativ genug, um internationale Koryphäen an die Kliniken zu holen. Das österreichische Gesundheitssystem kalkuliert mit Privatgeld. Ansonsten müsste die öffentliche Hand höhere Gehälter bezahlen und mehr Geld in die Spitäler pumpen. Als Nicht-Zusatzversicherter schneidet man dadurch indirekt am derzeitigen System mit.
Im Gesundheitssystem braucht es eine offene, keine geschönte Diskussion und vor allem Transparenz. Den Schein zu wahren, dass es keine Zweiklassenmedizin gebe, hilft am Ende niemandem.

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