"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Haut erneuert sich, die Unschuld nicht" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 19.07.2012

Graz (OTS) - Ja, es stimmt, Leute, die in der Nazi-Zeit und im Zweiten Weltkrieg Verbrechen verübt haben, werden immer älter. Das ist ja nicht weiter erstaunlich. Wer 1941 zu Beginn der sogenannten "Endlösung der Judenfrage" zwanzig war, ist heute 91 Jahre alt.

László Csatáry, mutmaßlicher Kriegsverbrecher und nun in Budapest inhaftiert, ist sogar 97. John Demjanjuk war 90, als er verurteilt wurde, Sandor Kepiro 97, Samuel Kunz 89. Klaus Barbie immerhin 74.

Milivoj Asner, der lange Zeit unbehelligt in Klagenfurt lebte, war 92, als die kroatische Justiz vergeblich seine Auslieferung verlangte, er starb sechs Jahre danach in einem Kärntner Altersheim.

Wann immer einer der alten Herren gefasst wird, geht ein Raunen durch die öffentliche Meinung. Irgendwann müsse Schluss sein, man solle so alte Menschen doch in Ruhe lassen, das sei doch alles so lange her, und noch dazu seien die mutmaßlichen Taten heute doch so schwer zu beweisen.

Wenigstens Letzteres stimmt: Mit den Tätern altern oder sterben logischerweise auch die überlebenden Zeugen der angeschuldigten Untaten, es wird immer schwerer, welche zu finden.

Alles andere stimmt nicht: All diesen Männern ist gemein, dass sie grauenhafte Akte von Folter und Mord begangen haben oder wenigstens die Beihilfe dazu. Und das meist massenhaft.

Zeit heile alle Wunden, heißt es. Das ist ein frommer Zierdeckerlspruch, der allenfalls auf natürliche Tode und Unfallwunden zutrifft. Mord zählt nicht dazu, Massenmord schon gar nicht. Warum also sollte es ausreichen, alt genug zu sein, um sich der Schuld zu entledigen? Die willentliche Tötung eines Menschen ist irreversibel, warum sollte dem Täter Umkehr möglich sein? Ein Mensch verliert etwa 40.000 Hautzellen pro Stunde, die Haut erneuert sich, die Schuld bleibt mit all ihren Partikeln erhalten.

Es gab im 20. Jahrhundert bizarre Fälle ungesühnter Schuld. Der afrikanische Schlächter Idi Amin führte ein geschütztes Luxusleben in Saudi Arabien, Augusto Pinochet und Jorge Videla, Massenmörder in Uniform, galten lange als unantastbar.

Das hat sich geändert: Den mutmaßlichen Massenmördern Ratko Mladic und Radovan Karadzic wird in Den Haag der Prozess gemacht. Der liberianische Schlächter Charles Taylor wurde ebenda zu 50 Jahren Haft verurteilt. Und zweifellos werden noch etliche ihresgleichen folgen.

Dann wird man nicht mehr so oft diskutieren müssen, ob man Neunzigjährige noch verurteilen darf. Obwohl, verzeihen Sie den Zynismus, für diese Altersstufe lebenslängliche Haft ohnedies eher kurz ausfällt.****

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