Keuschnigg: Es darf keine geografische Zweiklassenmedizin geben

Bundesratspräsident lud zu Hearing "Land ohne Ärzte? Zukunft der ärztlichen Versorgung in den Regionen" ins Parlament

Wien (OTS/ÖVP-PK) - Es scheint, dass wir in den kommenden Jahren ein gravierendes Problem mit der ärztlichen Versorgung in den Ländern haben werden, stellte heute, Mittwoch, Bundesratspräsident Georg Keuschnigg anlässlich des Hearings "Land ohne Ärzte? Zukunft der ärztlichen Versorgung in den Regionen" fest, zu dem er in das Parlament geladen hatte. Eine einleitende Situationsanalyse gab Mag. Georg Ziniel, Geschäftsführer Gesundheit Österreich GmbH. Über Lösungsansätze diskutierten Dr. Josef Kandlhofer, Generaldirektor des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger, Dr. Arthur Wechselberger, der neue Präsident der Österreichischen Ärztekammer, Univ.-Prof. Dr. Norbert Mutz, Vizerektor der Medizinischen Universität Innsbruck, sowie Dr. Erwin Rebhandl, Universitätslektor und langjähriger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin.

Das Thema sei von großer Komplexität, weil es nicht nur um mit Zahlen zu erfassende Fakten gehe, sondern auch um europäische Erscheinungen wie das Abwerben und damit das Abwandern von Ärzten nach Deutschland, Nordeuropa oder England, so Keuschnigg. Es gehe aber auch um Fragen der sich verändernden Attraktivität eines Berufes, die Aspekte der Freiberuflichkeit mit all ihren Risiken, den oft schwimmenden Grenzen zwischen Berufsleben und Freizeit und um wirtschaftliche Faktoren wie die Frage "Kann man in der Region ein vergleichbares Einkommen wie in den Ballungsgebieten erzielen?" Die Allgemeinmedizin werde weiblicher, auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spiele daher eine größere Rolle.

"Der Bundesrat empfindet sich als die starke Stimme der Regionen. Die Länderkammer ist daher prädestiniert, für diese Anliegen da zu sein. Der Bundesrat ist weder System- noch Verhandlungspartner. Wir haben aber zum Ziel, dass in den Regionen die Versorgung der Bürgerinnen und Bürger funktioniert. Wir wollen feststellen, wo sozusagen die Schrauben am System zu drehen sind, um Versorgungsengpässe zu vermeiden. Gesundheitsversorgung muss für jede Bürgerin und jeden Bürger - unabhängig vom Wohnort - gegeben sein. Das ist unser politisches Ziel. Es darf keine geografische Zweiklassenmedizin geben", so Keuschnigg.

Eine einleitende Situationsanalyse gab Mag. Georg Ziniel, Geschäftsführer Gesundheit Österreich GmbH. Er betonte vor allem die besondere Bedeutung der Allgemeinmedizin und das Konzept der Primärversorgung - eine umfassende Grundversorgung, die den Patienten über den gesamten Versorgungsprozess begleite. Die hausärztliche Versorgung sei dabei ein wichtiger Bestandteil dieses Systems. Zu wenige Ärzte gebe es in Österreich nicht, die Zahl der Ärzte sei in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich angestiegen, vor allem bei den Fachärzten. Österreich zeichne sich aber durch eine hohe Spitalslastigkeit aus. Gemessen an der Versorgungsdichte liege Österreich bei den praktizierenden Ärzten im europäischen Vergleich im Spitzenfeld. Beim Krankenpflegepersonal sei Österreich jedoch im unteren Bereich angesiedelt. Der Anteil der Frauen an der Allgemeinmedizin steige, aber bei den frei praktizierenden Ärzten in Ordinationen dominierten Männer. Vier von zehn Allgemeinmedizinern seien weiblich, bei den Fachärzten ist die Relation drei zu zehn.

"Wir haben in Österreich so viel Ärzte wie noch nie", wies Dr. Josef Kandlhofer, Generaldirektor des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger, danach in seinem Statement auf die insgesamt sehr gute Versorgung. Auch die Ärzte in Ausbildung hätten sich seit 1970 mehr als verdreifacht. Die Altersstruktur sei also nicht so schlecht. Auch Kandlhofer wies auf die hohe Spitalslastigkeit. Die Ärzte in den Spitälern hätten sich seit 1970 auf 21.752 fast vervierfacht, wies Kandlhofer darauf hin, dass man sich Anreizsysteme für Ärzte, die an die Peripherie gehen, überlegen müsse.

Die Überalterung der Ärzte rückte Dr. Arthur Wechselberger, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, in den Mittelpunkt: Der Durchschnittsarzt mit Kassenvertrag ist in Österreich 56 Jahre alt in Österreich." Drei Viertel der Kassenvertragsärzte seien männlich, ein Viertel weiblich. Die Studienabsolventen Medizin seien aber zu 60 Prozent weiblich; man stehe daher vor einem "Geschlechtertausch in der Ärzteschaft".

Univ.-Prof. Dr. Norbert Mutz, Vizerektor der Medizinischen Universität Innsbruck wies vor allem auf das Problem der Abwanderung hin. Eine Reihe von Nichtösterreichern würde nach dem Medizinstudium wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Darüber hinaus verlieren "wir die österreichischen Absolventen in die Schweiz, Süddeutschland oder Schweden". Wichtig sei es, junge Studierende zu motivieren, in eine Praxis am Land zu gehen.

"Ich glaube, dass wir de facto auf einen Engpass in der Versorgung mit Allgemeinmedizinern, vor allem in den ländlichen Regionen, hinsteuern", so Dr. Erwin Rebhandl, Universitätslektor und langjähriger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Auch er wies auf das Primary Health Care-Konzept zur Optimierung der extramuralen Gesundheitsversorgung.
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