Reiches oder armes Land Tirol?

Innsbruck (OTS/TT) - Von Alois Vahrner

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Die Tiroler Einkommen sind die zweithöchsten und die zweitniedrigsten aller Bundesländer. Zu diesem höchst widersprüchlichen Befund kommen zwei unterschiedliche Studien. Das birgt viel Futter für politische Scharmützel.

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Wie gut oder schlecht geht es den Tirolerinnen und Tirolern und wer hat das erreicht bzw. verursacht? Eine Frage, die mit großer Wahrscheinlichkeit den kommenden Landtagswahlkampf 2013 neben den ohnehin nicht vor dem Urnengang restlos zu klärenden Koalitionsspielereien dominieren wird.
Ob das Glas nun halbvoll oder halbleer ist, kommt offenbar auf den Betrachter an: Der Landeshauptmann und seine Landesräte werden ja nicht müde zu betonen, wie "gut aufgestellt" Tirol doch sei. Und verweisen auf gute Wirtschaftsdaten und die laut jüngster Statistik geringste Arbeitslosigkeit aller 271 untersuchten EU-Regionen. Weit anders, sprich pessimistischer klingt das bei der Opposition, aber auch bei ÖGB und Arbeiterkammer, die auf geringe Einkommen bei gleichzeitig sehr hohem Preisniveau etwa bei Wohnen, Treibstoffen oder auch in der Gastronomie hinweisen. Die knappen Grundreserven und die hohe Tourismusdichte fordern hier zweifellos ihren Tribut.
Nicht gerade für mehr Klarheit sorgen diverse, sich fast schon widersprechende Einkommensstudien. Laut dem alljährlich vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger veröffentlichten Einkommensvergleich rangiert Tirol traditionell nur auf dem achten und vorletzten Platz aller Bundesländer. In Führung liegen mit immerhin 200 Euro brutto mehr Wien und Vorarlberg. Bei verschiedenen Kaufkraftvergleichen landete Tirol meist im Mittelfeld auf den Rängen vier bis sechs. Laut der nun veröffentlichten europaweiten Analyse EU-SILC 2010 landeten die Tiroler Haushaltseinkommen auf dem zweiten Platz. Nur Oberösterreich lag noch vor Tirol.
Solche Unterschiede sind schwer zu verstehen - und von den Studienautoren auch kaum zu erklären. Wer allerdings in Tirol unterwegs ist, wird schwerlich behaupten können, dass Tirol ein Armen-
haus ist. Es gibt sichtbar breiten Wohlstand. Viele, vielleicht so viele wie nie, können sich auch vieles leisten - von Wohnung, Auto, Einkäufen bis hin zum Urlaub.
Es ist aber keinesfalls so, dass Tirol eine Insel der Seligen wäre und Milch und Honig fließen. Zehntausende Tirolerinnen und Tiroler, ob Wenigverdiener, Pensionisten oder Alleinerzieherinnen, sind tatsächlich armutsgefährdet. Sie müssen Entbehrungen hinnehmen und Monat für Monat schauen, wie sie über die Runden kommen. Glücklicherweise gibt es trotz aller Budgetnöte noch soziale Sicherheitsnetze, die dann in vielen Fällen noch Ärgeres verhindern. Tirol ist ein relativ reiches Land, das aber noch mehr auf seine Armen schauen muss.

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