NÖ Ärztekammer: Krankmeldungen sollten von den Kolleginnen und Kollegen des chefärztlichen Dienstes durchgeführt werden

Befangenheit der Ärzte ähnlich wie bei Juristen: Kein Strafverteidiger kann beim gleichen Prozess auch noch der Richter sein

Wien (OTS) - "Wenn Krankmeldungen in Ordinationen durchgeführt werden, ohne dass Ärztin oder Arzt den Patienten untersucht haben, ist das natürlich nicht in Ordnung", so Dr. Christoph Reisner, Präsident der NÖ Ärztekammer zur so genannten "Bespitzelungsaffäre", die derzeit in Wien hohe Wellen schlägt. Doch zeigt dieses Beispiel aus seiner Sicht ganz genau, dass es im Gesundheitssystem so einiges zu reparieren gibt, was in den vergangenen Jahrzehnten aus dem Ruder gelaufen ist.
"Abgesehen von den derzeit diskutierten Extremfällen hat die Entwicklung dazu geführt, dass von der niedergelassenen Ärzteschaft immer mehr Tätigkeiten im Grenzbereich des Machbaren durchgeführt werden müssen, weil einfach immer weniger Zeit vom System zur Verfügung gestellt wird", so Präsident Dr. Reisner.

Krankmeldung ist ärztliches Gutachten

"Eine Krankmeldung ist streng genommen ein ärztliches Gutachten, welches keinesfalls zwischen Tür und Angel gemacht werden kann", weiß MR Dr. Dietmar Baumgartner, Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte der NÖ Ärztekammer. "Und außerdem steht zwischen Arzt und Patient ein sehr großes Vertrauensverhältnis. Wenn nun der behandelnde Arzt auch noch über den Krankenstand entscheiden muss, entsteht zwangsläufig ein Konflikt. Bei Juristen aber auch bei Gutachtern würde man hier berechtigterweise von Befangenheit sprechen. Kein Strafverteidiger kann beim gleichen Prozess auch noch der Richter sein, kein behandelnder Arzt kann gleichzeitig ein Gerichtsgutachten erstellen", so Dr. Baumgartner.
Die Vertreter der NÖ Ärztekammer sprechen sich daher für eine Verlagerung der Administration der Krankmeldungen weg von den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten aus: "Ideal wäre, wenn die Sozialversicherungen selbst für die Entscheidung sorgen würden, ob ein Patient in den Krankenstand zu gehen hat oder nicht", so Dr. Baumgartner weiter. "Diese gutachterliche Tätigkeit könnten Kolleginnen und Kollegen des chefärztlichen Dienstes übernehmen. Diese entscheiden ja auch darüber, ob Medikamente, Untersuchungen oder Therapien bewilligt werden, und zwar ohne den Patienten zu kennen und jemals gesehen zu haben."

Leistungsmissbrauch und Verwaltungsaufwand könnte gesenkt werden

Laut Präsident Dr. Reisner könnte man für dieses neue, alternative Modell problemlos die technischen Hilfsmittel verwenden, die derzeit schon in den Ordinationen verwendet werden. "Derzeit werden Bewilligungen für Medikamente oder spezielle Untersuchungen von den Chefärztinnen und -ärzten der Gebietskrankenkassen ohne Patientenkontakt administriert. Ich bin gespannt, ob die Krankschreibung auch ohne Untersuchung und ohne Patientenkontakt machbar sein wird." Aus seiner Sicht bedeutet dieser Vorschlag auch keinerlei Benachteiligung für die Patienten. Der Arzt des Vertrauens stellt die Diagnose und legt den Behandlungsplan fest, der Chefarzt entscheidet in Abhängigkeit von der Tätigkeit des Patienten über die Arbeitsfähigkeit.
Mit dieser Maßnahme könnte man einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass Leistungsmissbrauch verhindert wird, und gleichzeitig noch den Verwaltungsaufwand senken. "Wenn die Krankenkassen die Krankenstände gleich selbst prüfen, könnten sie sich ganze Abteilungen sparen, die nur darauf ausgelegt sind, die Krankenstandsmeldungen durch Ärztinnen und Ärzte zu prüfen", so die Zusammenfassung von Präsident Dr. Reisner.

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