WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Leitartikel Wenn der Riss einmal zu breit geworden ist - von Hans Weitmayr

Im Süden ist die Leidensfähigkeit der Bevölkerung ausgereizt

Wien (OTS) - Will man es zynisch formulieren, könnte man sagen: Es driftet auseinander, was nie zusammengehörte. Der erste Teil dieser Aussage ist dieser Tage in Bezug auf die Eurozone kaum zu bestreiten. Gefährlich ist, dass sich dieser Trend sowohl geografisch als auch quer durch die Sektoren manifestiert. Die Industriellenvereinigung machte das gestern am Beispiel der Lohnkosten fest. Auf einem Wifo-Symposium konstatierte der griechische Professor Yannis Katsoulacos Identes auf dem verwandten Feld der Wettbewerbsfähigkeit.

Der zweite Teil der Aussage - und auch den hört man immer öfter - ist hingegen diskussionswürdig. Inzwischen weiß man, dass die Mängel der Eurozone bereits bei der Gründung derselben bekannt waren - und bewusst ignoriert wurden. Das mag im Nachhinein fahrlässig sein, wer sich jedoch an den Kalten Krieg und die damit verbundenen Ängste einer tatsächlich physischen Auslöschung Europas erinnert, dürfte die politische Entschlossenheit, die historische Chance, den Kontinent zu vereinen etwas milder beurteilen.

Das soll nicht heißen, dass ein zeitlich begrenztes, organisiertes Aufbrechen der Eurozone - und deren spätere Wiedervereinigung - nicht notwendig werden könnte, um das langfristige Überleben des Währungsblocks und wahrscheinlich der Union als Ganzes zu sichern. Denn tatsächlich erscheint die Leidensfähigkeit der Bevölkerung in den europäischen Südländern ausgereizt. In Griechenland beträgt die interne Abwertung - vulgo: Einkommensrückgang - 40 Prozent und mehr.

Damit wären die Vorgaben eigentlich erreicht und das Land sollte sich auf dem Weg der Besserung befinden. Trotzdem wird es - bei einem berechenbar guten Umfeld - noch drei Jahre dauern, bis man das spürt. Nur gibt es so ein Umfeld nicht: Beruhigt sich die Lage in Griechenland, eskaliert sie in Spanien. Sinken dort die Renditen unter sieben Prozent, gerät Italien unter Druck. Jede schlechte Nachricht schwappt auf die anderen Länder der Peripherie über und potenziert so ihre Zerstörungskraft. Agierten diese Länder auf einzelstaatlicher Ebene, würde dieses Klumpenrisiko wegfallen. Dass Europa diese Länder nicht fallen lassen, sondern weiter unterstützen müsste, wäre eine Voraussetzung für dieses Szenario - die Hilfe wäre aber kalkulierbarer, weil die bislang vorhandenen, unerwünschten Schneeballeffekte wegfielen.

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